Rahmenprogramm 2009

17. filmfestival des ruhrgebiets | 26. - 29. November 2009

 

Samstag, 28. November 2009, 17.00 Uhr

Unanständiges Ruhrgebiet. Frühe Filme von Christoph Schlingensief

 Dietrich Kuhlbrodt

 Schlingensief, inzwischen 50, drehte 25 Jahre lang Filme in seiner Heimat, dem Ruhrgebiet. Den ersten in Waldbauer bei Hagen. „Die Schulklasse“. Regisseur Schlingensief war 9 Jahre alt. Fünf Jahre später, „Das Totenhaus der Lady Florence“, ein 65 Minuten-Film, gedreht mit Schülern des Heinrich-Heine-Gymnasiums in Oberhausen nach einem Groschenroman, wurde  in einer Kurzfassung vom WDR gesendet. In der Reihe Mischmasch.

Mehr als 1 Dtzd. Heimatfilme der schlingensiefschen Art. Ich schätze so viel Ruhrgebiet, so viel Heimat-von-unten, über so lange Zeit, - so viel Heimattreue gab’s nicht ein zweites Mal. Warum aber wird Christoph Schlingensief nicht als Gebietsheld, als Spurensicherer, als Ruhrregisseur verehrt? Die Antwort ist bekannt. Weil das, was er zeigte, gegen den Strich gebürstet war. Selbst seine Eltern von der Apotheke in Oberhausen rieten ihm zweieinhalb Jahrzehnte lang, lieber etwas „Anständiges“ zu machen.

 Unanständiges Ruhrgebiet. Schlingensief wird es im Endstation Kino an Hand vieler Ausschnitte aus seinen ersten Filmen demonstrieren, live, wenn er da ist, auf der Leinwand Plan B. Oberhausen in den 70er Jahren, Schloss Lembeck, Schloss Hugenpoet, Schloss Homburg bei Wiehl, Wiehler Tropfsteinhöhle, das Ruhrtal bei Kettwig, Much im Siegkreis, Bad Münstereifel, Zechen, Siedlungen, alles Spielwiese für widerborstiges Treiben.

Ich wurde Mitte der achtziger Jahre in die Schlingensieffamilie aufgenommen. Der junge Helge Schneider war längst dabei. Und Udo Kier, Alfred Edel. Ich kann bezeugen, wie Unanständigkeit um sich griff und das Ruhrgebiet begriff.

 Beispiel „Menu total“. Auf einer Picknickwiese in Mülheim-Speldorf haben die Eltern ihre alten Naziuniformen wieder angelegt. Da macht die Polonaise noch mehr Spaß. Der kleine Joe ist derweil Opfer von Menschenversuchen in einem Schacht der Zeche Rosendelle. Ein abgeschnittener Schwanz wird gebraten, Joe flüchtet in ein in schönstem Friesenstil gebautes Haus in Mülheim. Zombies grölen, und wir sind in einem Film, der im Strickmuster von TV-Serien gedreht ist. Die Vätergeneration wird in diesem Film restlos bewältigt, unakademisch, frontal, kannibalistisch. Der Film machte auf der Berlinale Furore und zwar großen Ärger. Schlingensief wurde öffentlich.

 Die neue Einkaufscity von Mülheim, Schloss Styrum, Villa Thyssen („Mutters Maske“), der Bunker Bergstraße in Mühlheim („100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker“) und das grade stillgelegte Thyssen-Stahlwerk bei Duisburg („Das deutsche Kettensägenmassaker“): Drehorte, von Schlingensief  besetzt. Und verfilmt. Wir werden Ausschnitte zeigen.

Dietrich Kuhlbrodt schreibt seit fünfzig Jahren Filmkritiken (taz, konkret), Mitherausgeber von www.filmzentrale.com, zwanzig Jahre lang Verfolger von Naziverbrechen (Ludwigsburg, Hamburg), seit Schlingensiefs „Menu total“ Darsteller und Schauspieler (2008 auf den Ruhrfestspielen in Recklinghausen „Endstation Sehnsucht“). www.dKuhlbrodt.de  

  • Schlingensief/ Interview
  • Kurzfilme
  • What happened to Magdalena Jung?
  • Menu total
  • Mutters Maske
  • 100 Jahre Adolf Hitler
  • Das deutsche Kettensägenmassaker
  • Die 120 Tage von Bottrop

 

Sonntag 29. November, 17.00 - 19.30 Uhr

Faszination Stahl – Wie Stahl zum Filmen verführt

Philippe Dériaz

Recht früh haben Industrielandschaften, -anlagen, -arbeit die Filmkamera angezogen. Alles, was sich bewegt, galt als filmisch - und ist es, bis heute! Die Avantgarde wusste das zu nützen. Und manchmal benützte die Industrie für ihre Zwecke diese Begeisterung. Neben der Eisenbahn übten Eisenhütten eine ganz besondere Faszination. Selbst ohne Farben wirkt flüssiger und glühender Stahl. Werke und Verfahren bieten starke Kontraste. Die Dramatik der Arbeit - Menschenhände gegen feuerspeiende Drachen, gegen wüst um sich schlagende rote Schlangen - war für pathetische Effekte und auch für den Schnitt dankbar. Die heutigen, weniger gefährlichen Anlagen stecken immer noch voll Dynamik. Stahl kann ebenfalls in seinen Anwendungen Staunen hervorrufen, und Filmaufnahmen offenbaren da manche Überraschungen. Stahlindustrie verführt zum Filmen.

Dieses Programm möchte Filme zeigen, deren Autoren etwas mit dem Stahl, seiner Herstellung und den dazu gehörigen Anlagen zu gestalten trachteten, von Autoren also, die filmische Ziele verfolgen. Das hat manchmal sehr weit geführt: zur Verschmelzung der technischen Prozesse mit Musik, zur Musikalisierung der gefilmten Prozesse. Doch bleibt die Verpflichtung dem Auftraggeber gegenüber, die trotz aller filmischer Begeisterung beachtet wird: keine Verfremdung, sondern eine Aufhebung der Industrie in der Kunst.

 Philippe Dériaz   

Geb. 1930 in Genf. Dipl. Ing. ETH (Eidgenössische Technische Hochschule, Zürich). Seit Studienabschluss beim Film und Theater: für die Bühne Opernregisseur, für die Leinwand Filmemacher im Auftrag mit Hauptbereich Industrie (BASF, Henkel, Mannesmann, Siemens, M.A.N. usw.). Tätigkeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Seit 12 Jahren nur noch Fachjournalist, u.a. für "Film & TV Kameramann".

Zu sehen sein werden

Technik - drei Studien in Jazz 1961 10’00’’

Buch und Gestaltung: Hans-Heinrich Hermann

Kamera: Luis Peter Vigg

Historisches Archiv Krupp 

Nur der Nebel ist grau 1965 25’00’’

Buch und Regie: Robert Menegoz

Kamera: Sacha Vierny

Konzernarchiv Thyssen/Krupp

Sinnlichkeit Stahl 2004 23’00’’

Buch und Regie: Christoph Böll

Kamera: Johannes Imdahl

Konzernarchiv Thyssen/Krupp

Stahl - Thema mit Variationen 1960 13’00’’

Gestaltung: Hugo Niebeling

Kamera: Bert Meister, Musik: Oskar Sala

Im Auftrag von Mannesmann – das bleibt so