Rahmenprogramm 2010

18. filmfestival des ruhrgebiets | 25.- 28. November 2010

 

Samstag 27. Nov., 17.00 – 19.30 Uhr

Richard Serra - Filmemacher

 Durch seine Skulpturen "Bramme für das Ruhrgebiet" auf der Halde Schurenbach in Essen und "Terminal" vor dem Bochumer Hauptbahnhof ist der amerikanische Künstler Richard Serra (*1939) im Ruhrgebiet als Bildhauer weithin bekannt – und nicht immer unumstritten. Seine Stahlkunstwerke sind wuchtig und filigran zugleich: Meterhohe, tonnenschwere Stahlplattenensembles, die oft nur durch die eigene Schwerkraft aufrecht gehalten werden. Immer wieder kehrt Serra mit und für seine Arbeiten ins Ruhrgebiet zurück, seit den 1970er Jahren lässt er seine Stücke in hiesigen Stahlwerken anfertigen, vertreten wird er von der Galerie m in Bochum.

 Weniger bekannt ist, dass Serra auch eine signifikante Filmographie vorweisen kann. Seit dem Ende der 1960er Jahre produzierte er, im Windschatten des New American Cinema, 16mm-Filme. Später, mit dem Aufkommen der neuen Technik in den 70er Jahren, kamen auch Videos hinzu. In diesen Arbeiten verfolgt Serra einige seiner Anliegen aus der Bildhauerei weiter. Dabei geht er über die bloße Dokumentation seines skulpturalen Schaffens hinaus und schafft Arbeiten zwischen strukturellem Film und Performance.

 Serras erste filmische Versuche sind die vier Filme der HAND-Serie. In den kurzen, stummen, schwarz/weißen „Puppenfilmen ohne Puppen“ (J. Hoberman) sind in enger Kadrierung Hände und Unterarme zu sehen, die simple Tätigkeiten verrichten: immer wieder versuchen sie Metallstücke zu fangen, die von außerhalb des Kaders fallengelassen werden, sie kratzen Sägespäne zusammen, befreien sich von Fesseln oder führen einen Bleiklumpen am ausgestreckten Arm durch den Bildkader.

 Auch in der Videoarbeit SURPRISE ATTACK sind die Hände des Künstlers der Fokus. Das kurze Video zeigt Serra, der ein Stück Blei von einer in die andere Hand wirft, während er eine Passage aus Schellings „Konfliktstrategie“ rezitiert.

 FRAME befasst sich, wie so oft auch seine skulpturalen Arbeiten, mit Größenverhältnissen, Maßeinheiten und perspektivischen Verschiebungen. Wieder ist es Serras Hand, die im Bild zu sehen ist: sie vermisst die Ränder des auf der Leinwand sichtbaren Kaders - ein Spiel mit dem performativen Potential der Projektion, der Größe der Leinwand und den optischen Täuschungen des Kinos.

 Dokumentarischer, doch nicht weniger konzeptuell sind die Filme RAILROAD TURNBRIDGE und STEELMILL/STAHLWERK. RAILROAD TURNBRIDGE ist der Versuch, Bewegung und Konstruktion einer drehbaren, stählernen Eisenbahnbrücke in Portland, Oregon einzufangen. Allein durch Schnitt und Einstellungsgrößen, und ohne jegliche Tonspur gelingt es Serra “eine Form in der Zeit zu schaffen, die der Größe der Brücke selbst entspricht.” (Amy Taubin)

 In STEELMILL/STAHLWERK schließlich, kommt Serra nicht nur thematisch, sondern auch geographisch im Ruhrgebiet an: Gemeinsam mit seiner späteren Ehefrau Clara Weyergrad interviewt er Stahlarbeiter der Hattinger Henrichshütte und filmt sie bei der Arbeit an einem großen Stahlblock. Die Faszination für die gewaltige Mechanik und die alchimistische Magie der Stahlherstellung verbindet sich hier mit dem Interesse für die arbeitspolitischen Anliegen der Stahlarbeiter zu einer Auseinandersetzung mit der Entfremdung des Arbeiters und der Rolle Serras selbst als Künstler einerseits und als Auftrag- bzw. Arbeitgeber andererseits.

Uli Ziemons

 gezeigt werden:

 Hand Catching Lead I 1968 I 3’
Hands Tied I 1968 I 6’
Hands Scraping I 1968 I 4’
Hand Lead Fulcrum I 1968 I 2’
Surprise Attack I 1973 I 2’
Frame I 1969 I 21’
Railroad Turnbridge I 1976 I 17’
Steelmill/Stahlwerk I 1979 I 28’

  Uli Ziemons ist Mitarbeiter des Arsenal - Institut für Film und Videokunst e.V. Seit 2006 verschiedene Tätigkeiten für die Sektion Internationales Forum des jungen Films der Berlinale, seit 2008 als Programmkoordinator des Programms Forum Expanded. Präsentation von Filmprogrammen für Arsenal und die 6. Berlin Biennale, Mitarbeit auf Filmfestivals in Bochum, Oldenburg und Galway, Irland, sowie für die Anthology Film Archives in New York.

 

Sonntag 28. November 2010, 14.00 - 17.00 Uhr

DIE ROTE COUCH - Das Werkstattgespräch bei "blicke"

"Renn, wenn Du kannst"

 Zu Gast: Dietrich Brüggemann

Gesprächsleitung: Dirk Steinkühler 

Filmemacher und Filmen im Ruhrgebiet – dies steht im Focus der neuen Gesprächsreihe bei blicke. Dietrich Brüggemann filmte in Duisburg-Hochheide, Bochum-Querenburg und Bottrop-Batenbrock. Der Titel seines Kinodebüts „Renn, wenn Du kannst“ mag zunächst sarkastisch klingen, denn sein Hauptprotagonist sitzt im Rollstuhl. Ben (Robert Gwisdek) ist querschnittsgelähmt, vergrault mit seinem Zynismus einen Zivi nach dem anderen und beobachtet die Welt von oben herab aus seiner Hochhaus-Wohnung. „Die Weißen Riesen“, die Zwanzigstöcker des „Wohnparks Hochheide“, sind Dreh- und Angelpunkt des Films. Wer von hier aus dem Fenster schaut, hat direkt die gegenüberliegende, leerstehende Wohnblock-Ruine im Blick. Doch Ben hingegen hat mit seinem Fernrohr schon länger ein Mädchen mit einem Cello im Visier. Ausgerechnet sein neuer Zivi Christian (Jacob Matschenz) stößt vor dem Haus mit ihr zusammen. In der Folge bringt Christian nicht nur eine einnehmende und respektlose Unbekümmertheit mit in Bens Leben, sondern auch Annika (Anna Brüggemann), die Cellistin, in die sich Beide verlieben werden. Dietrich Brüggemann, 1976 in München geboren, schrieb das Drehbuch zusammen mit seiner fünf Jahre jüngeren Schwester Anna. Dem Thema Behinderung nehmen sie sich authentisch, klischeefrei und ohne falsche Scham an. Die Geschwister wissen, wovon sie erzählen, denn ihre jüngste Schwester sitzt im Rollstuhl. Tiefgang und Leichtigkeit vertragen sich erstaunlich gut in dieser tragikomischen Dreiecksgeschichte, inszeniert mit viel Energie, Kreativität und Charme. Eine der schönsten Szenen des Films beginnt mit einer Unmöglichkeit: nachts mit dem Rollstuhl auf den „Tetraeder“. Christian und Annika schleppen Ben die steilen Treppen hoch, Stufe für Stufe. Oben dirigiert Ben triumphierend zu klassischer Musik das Lichtermeer unter sich – bis am Ende des Stücks ein Stromausfall die Stadt in Dunkelheit hüllt. Zuhause in Hochheide ist der Strom dann übrigens immer noch weg – den Fahrstuhl können die Drei also vergessen!

 "Renn, wenn Du kannst" D 2010 | 112 Min.

Regie: Dietrich Brüggemann
Buch: Anna & Dietrich Brüggemann
Mit Robert Gwisdek, Anna Brüggemann, Jacob Matschenz, Franziska Weisz u.a.

Dietrich Brüggemann ist Filmregisseur und Drehbuchautor. Er studierte von 2000 bis 2006 Filmregie an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam. Neben der Regiearbeit arbeitet er als Redakteur bei der Filmzeitschrift Schnitt. Dietrich Brüggemann lebt in Berlin-Kreuzberg.

Dirk Steinkühler  ist seit 2004 zusammen mit Joachim Kühn Geschäftsführer des Kölner Filmkunstkinos "Filmpalette" und der KINO GESELLSCHAFT KÖLN.