Grußworte zum 10-Jährigen

Dr. Ulrich Spies, Adolf Grimme Institut, Marl

…man glaubt, es existierte schon seit viel längerer Zeit

Das Festival blicke aus dem ruhrgebiet feiert sein 10jähriges Bestehen. Erst – könnte man sagen – denn es hat sich im Lauf dieser Jahre so fest im Bewusstsein der Film-, Fernseh- und Kulturschaffenden dieser Region verankert, dass man glaubt, es existierte schon seit viel längerer Zeit. Es ist unverzichtbarer Bestandteil einer kreativen, non-profit-orientierten- und politisch engagierten Veranstalterszene, die sich hier im Ruhrgebiet als Deutschlands pulsierendster Kulturregion herausgebildet hat. Ihr ambitioniertes Ziel: Begleitung des Strukturwandels, Dokumentierung der Industrie- und Sozialgeschichte des Reviers, Ausschöpfung des multikulturellen Potentials einer selbst- und traditionsbewussten Bevölkerung, die nicht nur in Tauben- und Kleintierzucht-Vereinen, sondern auch in den Fußballstadien von Schalke 04 über den VfL Bochum bis zum BV Borussia 09 begeistert und solidarisch zusammenhält.

Gabriele Voss, Witten

„Die Hoffnung der Filmkunst ist der Amateur.“

Dieser Satz (Flaherty: „Film für alle“, 5/1931) fällt mir ein, wenn ich an 10 Jahre blicke aus dem ruhrgebiet denke. Thema dieses Festivals ist nicht der Amateur, sondern eine Region. Warum diesen oft zitierten Satz Robert Flahertys also an dieser Stelle wiederholen? Weil diese Hoffnung dieses Festival mitgetragen hat und weil die Hoffnung, obwohl schon 70 Jahre alt, noch immer berechtigt ist.
„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, heißt es auch. Es ist die Hoffnung auf einen unverstellten Blick, auf einen Blick, der frei ist von kommerziellen Überlegungen, auf einen wagemutigen Blick, der nach Erneuerung sucht und sich nicht von Konventionen vorschreiben lässt, wie die Dinge zu sehen und zu zeigen sind. Es ist auch die Hoffnung auf einen einfachen Blick, denn was gültig bleibt, lässt sich am Ende immer auch mit einfachen Mitteln zeigen. Die Erfüllung dieser Hoffnung ist heute vielleicht nicht mehr so leicht zu bewerkstelligen wie vor siebzig Jahren. Unsere Köpfe sind so voll von allen möglichen Vorbildern. Guten und schlechten. Andererseits kann heute jeder zur Kamera greifen und seine Bilder machen ohne einen Produzenten im Nacken, der sagt, was marktfähig ist. Also kann man hoffen. Wichtig, dass es öffentliche Orte gibt, wo man dem Blick des Amateurs begegnen kann. Wobei der Amateur nicht zu verwechseln ist mit dem Laien, der das Handwerk nicht beherrscht. Der Amateur ist im eigentlichen Sinn des Wortes ein Liebhaber. Amore, amar, aimer. Schon der Klang dieser Worte sagt, worum es geht. In diesem Sinne kann man Amateur bleiben, auch wenn man schon fünfzig Filme gemacht hat. Die Grenze verläuft nicht zwischen professionell und nicht professionell. Das war auch auf dem Festival blicke aus dem ruhrgebiet so. Es ist nicht leicht, echte Liebhaberfilme zu finden. Sie sind eine Rarität. Deshalb hat nicht alles, was in den vergangenen zehn Jahren gezeigt wurde, die Hoffnung wieder und wieder genährt. Es gab auch Enttäuschungen, und die nicht zu knapp. Wenn es dem Festival aber gelingt, auch in Zukunft im großen Programmangebot einige echte Liebhaberstücke zu präsentieren, dann hat sich die Mühe gelohnt.

Dr. Hans-Georg Küppers,
Beigeordneter der Stadt Bochum für Kultur, Bildung und Wissenschaft

...eine kulturelle Lücke mit Inhalt gefüllt

Vor zehn Jahren ist mit der Gründung des Festivals blicke aus dem ruhrgebiet eine kulturelle Lücke mit Inhalt gefüllt worden. Dieser Inhalt hat von Jahr zu Jahr eine immer größere Beachtung erfahren.
Die Lücke: die Vergewisserung der im Ruhrgebiet lebenden Filmschaffenden über die Gegenwart und die Vergangenheit ihrer Umgebung, die z.B. die Fernsehanstalten mit ihren Berichten und Dokumentationen vernachlässigt hatten. Das mit dem Erfolg der Internationalen Bausausstellung Emscherpark wachsende Bewusstsein über die kulturhistorische Bedeutung des Ruhrgebiets, dessen Ausdruck im Medium Film bzw. Video vermisst wurde.
Der Inhalt: die erfolgreiche Suche nach den filmischen Relikten aus der industriellen Blüte des Reviers, die in erstaunlicher Vielzahl aufgefunden wurden. Die berechtigte Hoffnung auf Beiträge von kreativen Filmemacherinnen und Filmemachern, die mit einem neugierigen Blick schauen und in unserer Region arbeiten. Schließlich die Begegnung zwischen arrivierten Filmemachern und Amateuren, die sich ihre Heimat filmisch aneignen und auf diese Art und Weise neue, unbekannte Perspektiven und Blickwinkel ermöglichen.

Dieses Programm hat sich in den letzten 10 Jahren durchgesetzt und ich freue mich darüber, dass dies einerseits in der Stadt Bochum durch das Engagement einer Reihe von filmbegeisterten Kulturschaffenden gelingen konnte und dass auf der anderen Seite die Stadt Bochum diese Entwicklung auch mit finanziellen Mitteln anstoßen und fördern konnte.

Ich wünsche dem 10. blicke aus dem ruhrgebiet einen großen Erfolg, weitere regionale und überregionale Anerkennung und für die Zukunft ein herzliches „Glück auf“.

Agentenkollektiv,
Robert Bosshard und Friedhelm Schrooten, Oberhausen/Duisburg

Hoodiddelidoo

Wir freuen uns mit dem Festivalkomitee über zehn Jahre Erfahrung mit Beiträgen des Agentenkollektivs. Wir wurden nie lobend erwähnt und bekamen nicht einen Publikumspreis, also ausser Konkurrenz wurden wir als dissidente Originale zur roten Seele des Festivals gemacht. Vielen Dank, liebe Nasenlangdreer, dass Ihr uns zum Mythos gemacht habt, der uns von der Frage: „Wie alt seid Ihr eigentlich?“, befreit. Wir sind glücklich, dass unter Euren Blicken unsere bestürzende Kontinuität zehn Jahre lang nicht peinlich wurde, also ohne rationale Erklärung das Agentenkollektiv als sozialbejahende Marke fester Bestandteil der Thekengemeinschaft geworden ist. Ihr, liebe Nasenlangdreer, habt uns zu autonomen Stars gemacht, denen man (meist Frauen) schon mal bewundernd sagt: „So gut wie Ihr möchte ich es auch mal haben.“
HEIDOODELDIDEI

Werner Biedermann, Essen

Stimmt bei diesem Festival alles?

Bei einem richtigen Filmfestival schreiten aufreizend gekleidete Damen über rotbespannte Treppen, begleitet von Fanfaren, Scheinwerferspots und Herren, die ihren Waschbrettbauch mit einem Smoking umhüllen. Blitzlichtgewitter, kreischende Fans und Fanfaren konzertieren die Festivalstimmung. Sowas habe ich bei Blicke aus dem Ruhrgebiet„ noch nie erlebt. Darum muss die Frage erlaubt sein: Ist das ein richtiges Filmfestival? Überhaupt der Titel: Blicke aus dem Ruhrgebiet„: Wohin wird denn da geblickt? Wo ist der filmische Blick aus dem Ruhrgebiet auf ferne Welten, utopische Geschichten, nach Holly- oder Bollywood?
Statt dessen wird geboten: ein buntes Ensemble von Amateur-, Studenten- und Profifilmen, die einen Blick auf's Ruhrgebiet werfen. Dank der Auswahlgruppe ist dieser Blick differenziert, mal souverän, mal naiv, aber immer aufrichtig. Glücklicherweise schaut man auch auf radikale Visionen und gewagte Experimente. Immer gibt es auch historische personen- und themenbezogene Exkurse.
Statt rotem Teppich die Möglichkeit zu unmittelbaren Kontakten zwischen den FilmerInnen und Zuschauenden, von den „offiziellen“ Diskussionen bis zum Bier im Foyer. blicke aus dem ruhrgebiet gehört zu den zwanglosesten und kommunikativsten Festivals, die ich kenne.
Nun wird dieses Festival, das in den letzten neun Jahren den filmischen Horizont zahlreicher Zuschauer (wie auch meinen) um überraschende Aspekte erweitert hat, zehn Jahre alt. Man hat Filmschaffende getroffen, die man nur in solch einem atmosphärischen Miteinander erleben oder sprechen kann. Da verzichte ich doch gern auf einen roten Teppich oder kreischende Fans und freue mich auf das 10. und die folgenden Festivals, denn: Bei diesem Festival stimmt alles!


Kirsten Wächter, Bochum

Um ehrlich zu sein: den Anfang hab ich verpennt.

Irgendwie war ich im November nie in Bochum, und wenn, dann hatte ich keine Zeit. So ist das Festival die ersten Jahre an mir vorbeigegangen. Im Nachhinein schade, aber die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Dann kam, nach ersten, vielleicht noch etwas zögerlichen Besuchen, der Tag, an dem ich gefragt wurde: „Hast du nicht Lust, Jury zu machen?“ Da kam dann auch Neugier auf: warum fragen die ausgerechnet mich? Das könnte doch sehr spannend werden. So saß ich dann im November 1997 mit Werner Biedermann und Helga Wittenborg in der Jury. Vier Tage Filme sichten und diskutieren, auch mit den VeranstalterInnen. Und wie das ja so ist bei Festivals: einmal gepackt, kommt man nicht mehr davon los.
So gab es dann im nächsten Jahr einen Workshop mit britischen Filmen, es folgten Moderationen und eine zunehmende Begeisterung und Lust auf das Festival meinerseits. Was zum Teil an den immer besser werdenden Beiträgen lag, zum nicht unmaßgeblichen Teil aber auch an den Leuten. Und das sind dann auch die Off-Momente des Festivals: Stammgäste, die man sonst nirgendwo trifft, Gerlindes lakonische Kassenverwaltung, Wolfgangs Anekdoten bei einem Sektchen, Hildes leuchtend-kritischer Blick und Gabis Grinsen sowie die vereinten Bemühungen, technische Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen.
Es scheint für Festivals nur zwei Alternativen zu geben: entweder man gibt nach einigen Malen auf, oder man beisst sich durch. Zum Glück für die Film- und Videolandschaft im Ruhrgebiet hat sich das „Blicke“-Festival für die letztere entschieden.
In diesem Sinne: auf die nächsten zehn Jahre.

Aycha Riffi, Bochum

Zum Feste

Ein Festival zu organisieren, ist eigentlich ganz leicht.
Startbedingungen sind eine gute, um nicht zu sagen eine herausragende Idee und eine plausible Antwort auf die Frage: „Warum denn noch ein Festival?“ – und schon geht’s los.
Gut ist natürlich auch, mit der Idee nicht alleine zu sein. So vier bis fünf hoch motivierte Gleichgesinnte um sich zu haben, ist mindestens ebenso ausschlaggebend wie die Idee an sich. Und die ist ja schon ziemlich gut.
Und dann: Ein Name muss her. Der Veranstaltungsort sollte frühzeitig feststehen, ebenso das Datum. Vorzugsweise ein Zeitpunkt an dem das Festival dann auch jedes Jahr stattfinden kann, und wenn es denn stattfindet nicht zeitgleich mit anderen Festivals.
Nächster Schritt: Geld. Geld, ist unerlässlich, Geld ist wichtig. Ohne Geld läuft fast nix.
Daher sind Partner gut. Partner, die z. B. Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Techniksponsoring ist so gut wie die bare Münze und dann gibt es ja die üblichen Verdächtigen, die guten Konzepten gerne Gehör leihen und Unterstützung anbieten:
...- Büros, -Stiftungen, - Kassen und -Institute.
Dann beginnt endlich der Wettbewerb: Mit einer Ausschreibung durch Plakat, Flyer und dem ein oder anderen Artikel in einem Printwerk und nach kurzer geduldiger Wartezeit bringt der Postbote mit Kassetten gefüllte Pakete.
Das Organisationsteam sucht in basisdemokratischer, freundschaftlicher, aber auch professioneller Atmosphäre unter allen Einsendungen nach künstlerisch herausragenden, politisch engagierten, filmisch innovativen und lustigen bewegten Bildern um diese zu einem interessanten, kontroversen aber auch unterhaltendem Programm zusammen zu stellen.
Dieses Filmprogramm wird dann mit aufschlussreichen Informationen versehen, die meistens ja eh’ vorliegen und in einem kleinen, aber feinem, möglichst kostengünstigem Programmheft abgedruckt.
Eine Jury wird geladen und nach freiwilligen Helfern wird gesucht. Schliesslich: Der Aufbau beginnt, die Tore werden geöffnet und das Festival kann beginnen. Schön ist, wenn es an Ort und Stelle auch noch etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen gibt. Und da nach dem ersten Jahr bereits Routine eintritt, bieten fast alle Festivals noch ein gehöriges Rahmenprogramm an. Zum Jubiläum gibt es dann sogar noch eine richtige Party.
Ein Festival zu organisieren ist eigentlich ganz einfach, trotzdem darf man erwarten, dass nach zehn Jahren die herzlichsten Glückwünsche ausgesprochen werden.
Und darum, und das mein ich dann wirklich mal ernst:
Hut ab! Meinen Herzlichsten Glückwunsch. Alles Gute für die Zukunft und
Dankeschön!!