Das Festival blicke aus dem ruhrgebiet feiert sein 10jähriges Bestehen. Erst – könnte man sagen – denn es hat sich im Lauf dieser Jahre so fest im Bewusstsein der Film-, Fernseh- und Kulturschaffenden dieser Region verankert, dass man glaubt, es existierte schon seit viel längerer Zeit. Es ist unverzichtbarer Bestandteil einer kreativen, non-profit-orientierten- und politisch engagierten Veranstalterszene, die sich hier im Ruhrgebiet als Deutschlands pulsierendster Kulturregion herausgebildet hat. Ihr ambitioniertes Ziel: Begleitung des Strukturwandels, Dokumentierung der Industrie- und Sozialgeschichte des Reviers, Ausschöpfung des multikulturellen Potentials einer selbst- und traditionsbewussten Bevölkerung, die nicht nur in Tauben- und Kleintierzucht-Vereinen, sondern auch in den Fußballstadien von Schalke 04 über den VfL Bochum bis zum BV Borussia 09 begeistert und solidarisch zusammenhält.
Dieser Satz (Flaherty: „Film für alle“, 5/1931) fällt
mir ein, wenn ich an 10 Jahre blicke aus dem ruhrgebiet denke. Thema dieses
Festivals ist nicht der Amateur, sondern eine Region. Warum diesen oft zitierten
Satz Robert Flahertys also an dieser Stelle wiederholen? Weil diese Hoffnung
dieses Festival mitgetragen hat und weil die Hoffnung, obwohl schon 70 Jahre
alt, noch immer berechtigt ist.
„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, heißt es auch. Es ist die Hoffnung
auf einen unverstellten Blick, auf einen Blick, der frei ist von kommerziellen Überlegungen,
auf einen wagemutigen Blick, der nach Erneuerung sucht und sich nicht von Konventionen
vorschreiben lässt, wie die Dinge zu sehen und zu zeigen sind. Es ist auch
die Hoffnung auf einen einfachen Blick, denn was gültig bleibt, lässt
sich am Ende immer auch mit einfachen Mitteln zeigen. Die Erfüllung dieser
Hoffnung ist heute vielleicht nicht mehr so leicht zu bewerkstelligen wie vor
siebzig Jahren. Unsere Köpfe sind so voll von allen möglichen Vorbildern.
Guten und schlechten. Andererseits kann heute jeder zur Kamera greifen und seine
Bilder machen ohne einen Produzenten im Nacken, der sagt, was marktfähig
ist. Also kann man hoffen. Wichtig, dass es öffentliche Orte gibt, wo man
dem Blick des Amateurs begegnen kann. Wobei der Amateur nicht zu verwechseln
ist mit dem Laien, der das Handwerk nicht beherrscht. Der Amateur ist im eigentlichen
Sinn des Wortes ein Liebhaber. Amore, amar, aimer. Schon der Klang dieser Worte
sagt, worum es geht. In diesem Sinne kann man Amateur bleiben, auch wenn man
schon fünfzig Filme gemacht hat. Die Grenze verläuft nicht zwischen
professionell und nicht professionell. Das war auch auf dem Festival blicke aus
dem ruhrgebiet so. Es ist nicht leicht, echte Liebhaberfilme zu finden. Sie sind
eine Rarität. Deshalb hat nicht alles, was in den vergangenen zehn Jahren
gezeigt wurde, die Hoffnung wieder und wieder genährt. Es gab auch Enttäuschungen,
und die nicht zu knapp. Wenn es dem Festival aber gelingt, auch in Zukunft im
großen Programmangebot einige echte Liebhaberstücke zu präsentieren,
dann hat sich die Mühe gelohnt.
Vor zehn Jahren ist mit der Gründung des Festivals blicke aus dem ruhrgebiet
eine kulturelle Lücke mit Inhalt gefüllt worden. Dieser Inhalt
hat von Jahr zu Jahr eine immer größere Beachtung erfahren.
Die Lücke: die Vergewisserung der im Ruhrgebiet lebenden Filmschaffenden über
die Gegenwart und die Vergangenheit ihrer Umgebung, die z.B. die Fernsehanstalten
mit ihren Berichten und Dokumentationen vernachlässigt hatten. Das mit
dem Erfolg der Internationalen Bausausstellung Emscherpark wachsende Bewusstsein über
die kulturhistorische Bedeutung des Ruhrgebiets, dessen Ausdruck im Medium
Film bzw. Video vermisst wurde.
Der Inhalt: die erfolgreiche Suche nach den filmischen Relikten aus der industriellen
Blüte des Reviers, die in erstaunlicher Vielzahl aufgefunden wurden. Die
berechtigte Hoffnung auf Beiträge von kreativen Filmemacherinnen und Filmemachern,
die mit einem neugierigen Blick schauen und in unserer Region arbeiten. Schließlich
die Begegnung zwischen arrivierten Filmemachern und Amateuren, die sich ihre
Heimat filmisch aneignen und auf diese Art und Weise neue, unbekannte Perspektiven
und Blickwinkel ermöglichen.
Dieses Programm hat sich in den letzten 10 Jahren durchgesetzt und ich freue mich darüber, dass dies einerseits in der Stadt Bochum durch das Engagement einer Reihe von filmbegeisterten Kulturschaffenden gelingen konnte und dass auf der anderen Seite die Stadt Bochum diese Entwicklung auch mit finanziellen Mitteln anstoßen und fördern konnte.
Ich wünsche dem 10. blicke aus dem ruhrgebiet einen großen Erfolg, weitere regionale und überregionale Anerkennung und für die Zukunft ein herzliches „Glück auf“.
Wir freuen uns mit dem Festivalkomitee über zehn Jahre Erfahrung mit
Beiträgen des Agentenkollektivs. Wir wurden nie lobend erwähnt
und bekamen nicht einen Publikumspreis, also ausser Konkurrenz wurden wir
als dissidente Originale zur roten Seele des Festivals gemacht. Vielen Dank,
liebe Nasenlangdreer, dass Ihr uns zum Mythos gemacht habt, der uns von der
Frage: „Wie alt seid Ihr eigentlich?“, befreit. Wir sind glücklich,
dass unter Euren Blicken unsere bestürzende Kontinuität zehn Jahre
lang nicht peinlich wurde, also ohne rationale Erklärung das Agentenkollektiv
als sozialbejahende Marke fester Bestandteil der Thekengemeinschaft geworden
ist. Ihr, liebe Nasenlangdreer, habt uns zu autonomen Stars gemacht, denen
man (meist Frauen) schon mal bewundernd sagt: „So gut wie Ihr möchte
ich es auch mal haben.“
HEIDOODELDIDEI
Bei einem richtigen Filmfestival schreiten aufreizend gekleidete Damen über
rotbespannte Treppen, begleitet von Fanfaren, Scheinwerferspots und Herren,
die ihren Waschbrettbauch mit einem Smoking umhüllen. Blitzlichtgewitter,
kreischende Fans und Fanfaren konzertieren die Festivalstimmung. Sowas habe
ich bei Blicke aus dem Ruhrgebiet„ noch nie erlebt. Darum muss die
Frage erlaubt sein: Ist das ein richtiges Filmfestival? Überhaupt der
Titel: Blicke aus dem Ruhrgebiet„: Wohin wird denn da geblickt? Wo
ist der filmische Blick aus dem Ruhrgebiet auf ferne Welten, utopische Geschichten,
nach Holly- oder Bollywood?
Statt dessen wird geboten: ein buntes Ensemble von Amateur-, Studenten- und
Profifilmen, die einen Blick auf's Ruhrgebiet werfen. Dank der Auswahlgruppe
ist dieser Blick differenziert, mal souverän, mal naiv, aber immer aufrichtig.
Glücklicherweise schaut man auch auf radikale Visionen und gewagte Experimente.
Immer gibt es auch historische personen- und themenbezogene Exkurse.
Statt rotem Teppich die Möglichkeit zu unmittelbaren Kontakten zwischen
den FilmerInnen und Zuschauenden, von den „offiziellen“ Diskussionen
bis zum Bier im Foyer. blicke aus dem ruhrgebiet gehört zu den zwanglosesten
und kommunikativsten Festivals, die ich kenne.
Nun wird dieses Festival, das in den letzten neun Jahren den filmischen Horizont
zahlreicher Zuschauer (wie auch meinen) um überraschende Aspekte erweitert
hat, zehn Jahre alt. Man hat Filmschaffende getroffen, die man nur in solch
einem atmosphärischen Miteinander erleben oder sprechen kann. Da verzichte
ich doch gern auf einen roten Teppich oder kreischende Fans und freue mich
auf das 10. und die folgenden Festivals, denn: Bei diesem Festival stimmt alles!
Irgendwie war ich im November nie in Bochum, und wenn, dann hatte ich keine
Zeit. So ist das Festival die ersten Jahre an mir vorbeigegangen. Im Nachhinein
schade, aber die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Dann kam,
nach ersten, vielleicht noch etwas zögerlichen Besuchen, der Tag, an
dem ich gefragt wurde: „Hast du nicht Lust, Jury zu machen?“ Da
kam dann auch Neugier auf: warum fragen die ausgerechnet mich? Das könnte
doch sehr spannend werden. So saß ich dann im November 1997 mit Werner
Biedermann und Helga Wittenborg in der Jury. Vier Tage Filme sichten und
diskutieren, auch mit den VeranstalterInnen. Und wie das ja so ist bei Festivals:
einmal gepackt, kommt man nicht mehr davon los.
So gab es dann im nächsten Jahr einen Workshop mit britischen Filmen,
es folgten Moderationen und eine zunehmende Begeisterung und Lust auf das Festival
meinerseits. Was zum Teil an den immer besser werdenden Beiträgen lag,
zum nicht unmaßgeblichen Teil aber auch an den Leuten. Und das sind dann
auch die Off-Momente des Festivals: Stammgäste, die man sonst nirgendwo
trifft, Gerlindes lakonische Kassenverwaltung, Wolfgangs Anekdoten bei einem
Sektchen, Hildes leuchtend-kritischer Blick und Gabis Grinsen sowie die vereinten
Bemühungen, technische Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen.
Es scheint für Festivals nur zwei Alternativen zu geben: entweder man
gibt nach einigen Malen auf, oder man beisst sich durch. Zum Glück für
die Film- und Videolandschaft im Ruhrgebiet hat sich das „Blicke“-Festival
für die letztere entschieden.
In diesem Sinne: auf die nächsten zehn Jahre.
Ein Festival zu organisieren, ist eigentlich ganz leicht.
Startbedingungen sind eine gute, um nicht zu sagen eine herausragende Idee
und eine plausible Antwort auf die Frage: „Warum denn noch ein Festival?“ – und
schon geht’s los.
Gut ist natürlich auch, mit der Idee nicht alleine zu sein. So vier bis
fünf hoch motivierte Gleichgesinnte um sich zu haben, ist mindestens ebenso
ausschlaggebend wie die Idee an sich. Und die ist ja schon ziemlich gut.
Und dann: Ein Name muss her. Der Veranstaltungsort sollte frühzeitig feststehen,
ebenso das Datum. Vorzugsweise ein Zeitpunkt an dem das Festival dann auch
jedes Jahr stattfinden kann, und wenn es denn stattfindet nicht zeitgleich
mit anderen Festivals.
Nächster Schritt: Geld. Geld, ist unerlässlich, Geld ist wichtig.
Ohne Geld läuft fast nix.
Daher sind Partner gut. Partner, die z. B. Räumlichkeiten zur Verfügung
stellen. Techniksponsoring ist so gut wie die bare Münze und dann gibt
es ja die üblichen Verdächtigen, die guten Konzepten gerne Gehör
leihen und Unterstützung anbieten:
...- Büros, -Stiftungen, - Kassen und -Institute.
Dann beginnt endlich der Wettbewerb: Mit einer Ausschreibung durch Plakat,
Flyer und dem ein oder anderen Artikel in einem Printwerk und nach kurzer geduldiger
Wartezeit bringt der Postbote mit Kassetten gefüllte Pakete.
Das Organisationsteam sucht in basisdemokratischer, freundschaftlicher, aber
auch professioneller Atmosphäre unter allen Einsendungen nach künstlerisch
herausragenden, politisch engagierten, filmisch innovativen und lustigen bewegten
Bildern um diese zu einem interessanten, kontroversen aber auch unterhaltendem
Programm zusammen zu stellen.
Dieses Filmprogramm wird dann mit aufschlussreichen Informationen versehen,
die meistens ja eh’ vorliegen und in einem kleinen, aber feinem, möglichst
kostengünstigem Programmheft abgedruckt.
Eine Jury wird geladen und nach freiwilligen Helfern wird gesucht. Schliesslich:
Der Aufbau beginnt, die Tore werden geöffnet und das Festival kann beginnen.
Schön ist, wenn es an Ort und Stelle auch noch etwas zu trinken und eine
Kleinigkeit zu essen gibt. Und da nach dem ersten Jahr bereits Routine eintritt,
bieten fast alle Festivals noch ein gehöriges Rahmenprogramm an. Zum Jubiläum
gibt es dann sogar noch eine richtige Party.
Ein Festival zu organisieren ist eigentlich ganz einfach, trotzdem darf man
erwarten, dass nach zehn Jahren die herzlichsten Glückwünsche ausgesprochen
werden.
Und darum, und das mein ich dann wirklich mal ernst:
Hut ab! Meinen Herzlichsten Glückwunsch. Alles Gute für die Zukunft
und
Dankeschön!!