Eine Live-Video Installation von Christian Sievers in Raum 6

Blicke Filmfestival // Eine Live-Video Installation von Christian Sievers in Raum 6

Blicke Filmfestival

Live-Video Installation zur Objekterkennung mit künstlichem neuronalen Netzwerk und Datenbank

Das hier eingesetzte neuronale Netzwerk dient der digitalen Erfassung der Welt. Es ist in der Lage, mehr als 9000 verschiedene Objekte zu benennen. Wie gut das schon funktioniert, wird direkt vor der Kamera persönlich erfahrbar gemacht. Es macht Spaß, sich durch das Auge der „künstlichen Intelligenz“ zu sehen. Erkennt sie mein Geschlecht? Was ordnet sie mir zu?
Es sind wieder einmal die Fehlinterpretationen, in denen sich die Eigenheiten des Systems offenbaren. Manche sind amüsant, andere scheinen Ausdruck einer tiefen Fremdartigkeit des Denkens.
Wie ein neuronales Netzwerk zu seinen Entscheidungen kommt, ist für uns Menschen nicht nachvollziehbar. Und doch schwingt in den erkannten Objekten das Bildmaterial nach, das benutzt wurde, um das Netzwerk zu trainieren. Die Entscheidungen des Systems sind beschränkt auf das Modell der Welt, das mit der Auswahl seines Lehrmaterials vorformuliert wurde.
Wiederholen wir das Mantra: Technologie ist nicht neutral. Algorithmen sind ebenso wenig frei von Vorurteilen und Trugschlüssen, wie die Menschen, die sie entwickelt haben. Ebenso können rechnergesteuerte Modelle der Welt unsere chaotische, schmutzige, vieldeutige Lebenswirklichkeit nicht angemessen abbilden.
In der hier gezeigten Installation wird dieser technologische Reduktionismus künstlerisch gefasst. Die Objekterkennung wurde um eine Datenbank erweitert. Für jeden Begriff wird genau ein Bild aufgezeichnet. Das System versucht, sich aus den Dingen, die ihm im Verlauf der Ausstellung vor die Kamera kommen, das ihm antrainierte Modell der Welt zu bebildern.
Die Entscheidungen sind endgültig: eine Revision ist nicht möglich. Und ausschließlich: weitere Sichtungen finden nicht mehr den Weg in die Datenbank.
Nach einer Weile werden die meisten leicht erkennbaren Dinge bereits in die Datenbank aufgenommen worden sein, und es wird zunehmend schwieriger werden, ihm etwas Neues zu zeigen. Das Bild der Welt, das sich das System baut, nähert sich der Fertigstellung an. Dann wird die primäre Erfahrung angesichts des Erfassungssystems die der Ablehnung sein. Und vielleicht eine spielerische Herausforderung: Schafft man es, noch einmal erkannt zu werden?



Christian Sievers ist bildender Künstler und beschäftigt sich in der künstlerischen Arbeit mit dem Verhältnis von Kunstwerk und Publikum vor dem Hintergrund der Digitalisierung. Er hat an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und am Royal College of Art in London studiert. Seit 2011 lehrt er an der Kunsthochschule für Medien Köln. | christiansievers.info


Am Freitag, den 23. November um 18.30 Uhr laden wir zu einem Diskurs mit Christian Sievers und Medienwissenschaftler Felix Hasebrink ein.