Preise und Jurybegründungen
15. blicke aus dem ruhrgebiet 2007

Preisträger 2007 - Gruppenbild

Die 15. Blicke aus dem Ruhrgebiet gingen am Sonntag, den 25. November, mit der feierlichen Preisverleihung zu Ende. Die Jury - Stefanie Görtz, Hilde Hoffmann und Beate Middeke - sprach Lobende Erwähnungen aus und vergab Geld- und Sachpreise. Das Festivalteam bedankt sich auch an dieser Stelle ganz herzlich bei den drei Jury Frauen für ihre Arbeit.

Geldpreise gingen an:

KOBE

2006 | 45’00’’ | 35mm | Dokumentarfilm
Rainer Komers | Mülheim
Der Erzählfluss einer Stadt. Beobachtungen in Kobe nach der Erschütterung.
 „Den Blick offen zu halten für Unbekanntes in Bildern, Geräuschen, Gesichtern und Prozessen und Bilder zu finden, die jenseits von Klischees und vordergründigen Erklärungen liegen in einer Welt, die vermeintlich eng zusammengerückt ist und in der alles zigfach abgebildet wurde, ist eine der Herausforderungen für Dokumentarfilmer.
Das Portrait von Kobe zeigt uns die japanische Hafen-Stadt, die 1995 in einem Erdbeben verwüstet wurde. U-Bahn-Gleichschritt und Trommelschule, Perlenkettenfabrik, Spielhölle, Fischmarkt und Senioren-Karaoke — all das in einer Montage von Bildern und Tönen - einer Assoziationskette, die visuelle, geografische, vor allem aber akustische Momente und Muster aufgreift und deren Leitmotiv das allgegenwärtige Wasser ist. Rainer Komers zeigt uns die Schönheit und den Witz von Dingen und Prozessen, er bietet uns Bilder an, die staunen lassen und in denen dennoch der Blick Zeit hat, frei zu wandern. Künstlerisch konsequent verzichtet er auf vieles, was im dokumentarischen Arbeiten mittlerweile unausweichlich scheint.
Wir vergeben den mit 1.500 Euro dotieren Schmelztiegel, den Preis für Interkulturalität des Kemnader Kreises, an Rainer Komers für seinen Film KOBE.“

Michael Hamburger. Ein englischer Dichter aus Deutschland

2005-2007 | 72’00’’ | DV / DigiBeta | Dokumentarfilm
Frank Wierke | Unna
Balsampappeln, Eisvögel, Snookerbillard und schon wieder Dowland. Paddle your own canoe.
„Auf zurückhaltende Weise baut sich vor uns eine ganze Welt auf, die von Behutsamkeit und der Liebe zu den kleinen Dingen spricht.
Über diese Dinge des Alltags entfaltet sich vor uns langsam die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Verletzungen von Vertreibung, von Flucht,  von Krieg; die prägende Ideengeschichte und Literatur scheinen auf.
Der Film gewährt uns über seinen Rhythmus Zugang zu einer Lebensform und einem künstlerischen Arbeiten, dass sich gegenseitig bedingt und hervorbringt.
Es ist ein Film über den Mut des Anfangs und über das Abschiednehmen.
Wir zeichnen mit dem Preis für Geschichtskultur ein Filmgedicht aus, der alles unterlässt was Geschichtsschreibung instrumentalisierbar macht.
Michael Hamburger. Ein englischer Dichter aus Deutschland von Frank Wierke erhält den Preis für Geschichtskultur (aufgestockt) mit 1.500 Euro.“

Rauschen und Brausen

2007 | 4’50’’ | Mini DV | Experimentalfilm
Daniel Burkhardt | Bochum
Vom Konkreten ins Ungegenständliche, vom Greifbaren ins Ungewisse. Entgleitende Schichten.
„Ein Bild, ein Hochhaus, Tristesse, Urbanität, ein Zoom, unsere Gedanken lösen sich vom gegenständlichen, freischwebend ist alles in Bewegung, und entschwindet.
Die Komposition von Bild und Musik führt  zieht uns in einen Sog, dem wir uns nicht entziehen konnten. Eine Erfahrung, die das Unvorhersehbare, das Bodenlose, das Neue und ungewisse zulässt, ja, herausfordert.
Wir zeichnen den Film Rauschen und Brausen von Daniel Burkhardt mit 800 Euro aus. Herzlichen Glückwunsch und weiter so.“

REMOTE

2007 |12,30 | HDV | Experimentalfilm
Martin Brand | Bochum
Fremdsein und Scharfstellen.
„Eine Wohnung, die nicht die eigene ist, Blicke auf eine unbekannte Umgebung. Freiheit und Einsamkeit, ein Zurück auf Start in der eigenen Wahrnehmung. Martin Brand hat für diese bekannten Gefühle der Unvertrautheit Bilder, Töne und einen Rhythmus gefunden, die uns ausgesprochen gut gefallen haben.
Wir zeichnen den Film REMOTE von Martin Brand mit einem Preis von 800 Euro aus.“

KARAOKE SHOW

2007 | 4’30’’ | 16mm | Musikfilm
Karl Tebbe | Berlin
Rhythmus hat man im Blut oder im Schnitt. Moonwalk-Animation.
„Die coolste Sau auf der Tanzfläche zu sein, davon hat vielleicht fast jeder irgendwann mal geträumt. Wie man damit fertig wird, wenn’s einem nicht gegeben ist, das formt Persönlichkeiten. Den Weg, den Karl Tebbe beschreitet, um sich mittels der Stop-Motion-Animation diesen Traum zu erfüllen, hat uns sehr erfreut. Seine Originalität und Selbstironie, wenn Porreestangen wie Gelenke krachen und kein Gefühl der Peinlichkeit vermieden wird, ist für uns auch Zeugnis des speziellen Humors, den wir am Ruhrgebiet lieben.
Wir haben den mit 250,-- Euro dotierten, und von der taz gesponserten Ruhrgebietspreis auf 400 Euro aufgestockt und zeichnen damit Karl Tebbe für seinen Film KARAOKE SHOW aus.“

Só estou olhando

2007 | 15’54’’ | DV | Doku
Maik Teriete, Jan Künemund | Berlin, Schwerte
„Só estou olhando“ heißt „Ich sehe mich nur um“. Ein Urlaubsvideo aus sicherer Distanz.
„Wir bekommen eine Blickart gezeigt, die - weil sie so zu unserem Alltag gehört - unsichtbar ist. Eine Art des Schauens, die verborgen bleibt, weil sie nicht wert erscheint ins Bild gesetzt zu werden. Blicke die vorüber gleiten oder umher schweifen; die Fahrt aufnehmen - bis alles nur noch saust und zu bewegten Farben wird; Um dann und wann staunend und aufhorchend wieder inne zu halten. Der Film zeigt uns die Poetik unsres alltäglichen Schauens, mit dem wir uns die Welt erschließen.
Wir zeichnen Só estou olhando von Jan Künemund & Maik Teriete mit dem Querdenkerpreis aus, und vergeben (aufgestockt) 400 Euro.“

Cruise 2060

2006 | 1’25’’ | Video 8 | Essay
Fritz Netzeband | Mülheim
Neue Ziele, neue Ufer. Postglobal.
„Zwei Fotografien aus einer vergangenen Zeit, als die Menschen stolz waren die Natur zu bezwingen, machen uns deutlich: Diese Epoche ist endgültig vorbei.
In kurzer präziser Form begeben wir uns mit dem Film auf eine Reise in die nahe Zukunft.
Für uns seit langem der überzeugendste Film zum Klimawandel!
Wir zeichnen Cruise 2060 von Fritz Netzeband aus. Und vergeben 300 Euro.“

Pictures

2007 | 4’00’’ | 16mm | Experimentelle Doku
Gertrud Schweers | Witten
Ich staunte nicht schlecht über die Stadt.
„Eine Collage von New York die intuitiv und subjektiv bleibt. Wir folgen den Blicken der Filmemacherin, die uns ihre atmosphärischen Eindrücke dieser Stadt sehr persönlich und ambivalent zeigt. Wir zeichnen den Film Pictures von Gertrud Schweers mit 300 Euro aus.“

Sachpreise
(je 1 iPod, gestiftet von den Stadtwerken Bochum) gingen an:

Scan-Twist v/s Sophisticated Picasso, Bum Bum

2007 | 4’00’’
Bernward Schilke | Essen
Ein Flachbettscanner verleibt sich seine Umgebung ein. Neue Kombinationen des Alltags sind möglich.
„Picasso stellt seiner Freundin die wichtige Frage: Warum male ich abstrakt? Die Antwort bleibt ebenso ein Geheimnis, wie warum wir auf einmal Videoeffekte mögen.
Ein Film den wir nicht in Worte fassen wollen, der uns aber in seiner Abstraktion, seinem Experiment überzeugt und berührt hat. Eine lobende Erwähnung von ganzem Herzen für den Film ‚Scan-Twist v/s Sophisticated Picasso, Bum Bum’ “

Wie schneiden Sie bei Sextests ab?

1985 | 10’52’’ | Super 8 | Fiktion
Hagen Apel, Regina M. Poppels | Bochum
Wie eine Beziehung anfangen? In der Badewanne mit Charles Bukowski. „Ein Film in vier Szenen erzählt uns von nagender Sehnsucht und dem Wahnwitz und der Absurdität bei den Versuchen diese zu überwinden. Er zeigt uns auch wie ‚allein sein geht. Wir haben uns in diesen Bildern gerne treiben lassen. Hierfür geht eine besondere Erwähnung an Wie schneiden Sie bei Sextests ab? von Hagen Apel & Regina Poppels.“

 

Lobend erwähnt wurden:

WOWOW

2007 | Mini DV | 3’40’’ | FARBE | MUSIKVIDEO
Elena Schneider, Annika Janssen | Dortmund
Es waren einmal wilde besessene Werwölfe… Wow!

Tüpisch Ausländer

2007 | DV | 1’00’’ | FARBE | ESSAY
Walid Dost (Regie, Kamera), Chris Schuepp (Kamera, Schnitt) | Bochum, Duisburg
Geteilte Vorurteile.

Der Publikumspreis (300 EUR) ging an:

Der Menü-Kurier

2007 | 21’00’’ | Beta SX | Fiktion
Carsten Pütz | Dortmund
TristEssen auf Rädern. Keine Zeit für alte Menschen, kein Ventil für den Stress und kaum Stoff für einen klassischen Dokumentarfilm.