Preise und Jury-Begründungen
16. blicke aus dem ruhrgebiet 2008

Zuletzt befreit mich doch der Tod

2008 | Beta Sp | 77’00’’ | DOKU
Beate Middeke | Enger
Eine junge Frau begeht Selbstmord. Ein Schicksal, zwei Identitäten, viele Erzählungen. „Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man sich so fühlt wie Kay?“ 

Ein erschreckender Titel, der doch voller Wahrhaftigkeit ist. Der Film geht mit uns und seiner toten Protagonistin durch die Hölle und lässt uns eintauchen in die Abgründe menschlicher Existenz. In hautnah gedrehten Interviewsequenzen entdecken wir die Facetten einer zerstörten Persönlichkeit, für die der Tod tatsächlich eine Befreiung war. Schuldige und Helfer kommen ebenso zu Wort wie Freunde, Angehörige und Experten. Das Urteil über Wahrheit oder Lüge, Recht oder Unrecht fällt dabei jedoch nicht die Filmemacherin, sondern sie überlässt es dem Publikum sich ein Bild zu machen. Ein Film, der uns durch das Festival begleitet hat und der wie wenige das ganze Dilemma der therapeutischen aber auch juristischen Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs auf den Punkt gebracht hat.“

Die Jury des 16. Festivals „Blicke aus dem Ruhrgebiet“ verlieh den „Hauptpreis“ in Höhe von 2.300 Euro.

1200 brutto

2008 | HDV, Digi Beta | 43’00’’ | DOKU
Britta Wandaogo | Köln
Ein junger Mann steht im Dreck. Für 1200 brutto. Das Leben geht weiter. Die Überforderungen auch.

„Der Film, den wir mit dem Nebenpreis des diesjährigen Festivals „Blicke aus dem Ruhrgebiet“ auszeichnen, bringt uns die Lebenswelt eines 21 jährigen Mannes nahe, der seit dem 14. Lebensjahr hart arbeitet, um seine vierköpfige Familie zu ernähren. Momentan verdient er 1200 EURO brutto.
Andy ist der Jury durch den respektvollen Umgang der Filmemacherin Britta Wandaogo sehr nahe gebracht worden. Sie hat uns einen Mann vorgestellt, der auf den ersten Blick jedes Klischee des Asozialen erfüllt. In einer Zeit, in der das Wort Gutmensch fast schon eine Beleidigung ist, zeigt sie uns einen liebevollen Vater, der ohne Schulbildung, ohne tragendes soziales Netzwerk einen Weitblick für die Gegenwart entwickelt hat.

Die Jury ist einstimmig der Meinung, dass der Film für seine künstlerische Leistung von Britta Wandaogo ausgezeichnet werden muss. Britta Wandaogo erhält 1.200 EUR.
Diese Entscheidung möchte die Jury allerdings mit einer Stellungnahme zu den Produktionsbedingungen des Films verbinden. Der Film entstand als Auftragsarbeit des WDR in der Reihe „Menschen hautnah“ zum Thema Prekariat. Die Jury begrüßt zunächst die Entscheidung der Redaktion, dieses schwierige Thema im öffentlich-rechtlichen Fernsehen darzustellen, gibt aber in einem zweiten Schritt die Empfehlung, Menschen wie Andy nach der Medialisierung nicht alleine zu lassen. Schließlich ist es Teil der Aufgabe des öffentlich-rechtlichen WDR auf seine Weise am Gemeinwohl mitzuwirken.

Es gibt aber kein Gemeinwohl ohne das Wohl des Einzelnen. Wir würden uns wünschen, dass der WDR nicht nur eine Öffentlichkeit für Menschen wie Andy und seiner Familie schafft, sondern darüber hinaus auch in Kooperation mit anderen Institutionen, die ebenso wie die öffentlich-rechtlichen Sender von Geldern der Bevölkerung finanziert werden, Einzelfalllösungen anstrebt. Damit würden die Jury, die Zuschauer des Films und letztlich wohl auch die Filmemacherin zumindest mit derselben Hoffung in die Zukunft entlassen, mit der Andy sein Leben bisher gemeistert hat.“

Lena, Stella, Ümmü und die anderen

2008 | HDV | 45’00’’ | DOKU
Betty Schiel (Regie), Gertrud Schweers (Kamera) | Bochum
Lernen, Tanzen, Kegeln. Große und kleine Dramen im Klassenzimmer.

„Filme können einen an Orte führen, die man sonst wohl nie zu sehen bekäme. Dieser Film führt uns in eine Schule; eine Schule der besonderen Art. Aber eigentlich geht es hier zu wie an anderen Schulen auch: Streit und Versöhnung, Freude und Ärger werden hier nur direkter, unmittelbarer gelebt. Die Kamera bleibt dabei immer nah dran an den Protagonistinnen: Sensibel und hartnäckig zu gleich.

Am Ende geht die Kamera mit ihnen kegeln und nimmt uns mit an einen dunklen Ort voll purer Lebensfreude.“
Die Jury verlieh den „Schmelztiegel. Preis für Interkulturalität“, vergeben vom Kemnader Kreis in Höhe von 1.500,- zu gleichen Teilen an Betty Schiel (Regie) und Gertrud Schweers (Kamera).

Die Lage ist schlimmer als die Leute glauben

2007 | DV | 10’36’’ | DOKU
Isabel Hernandez | Essen
Eine Einstellung zum Alltag.

„Den Ruhrgebietspreis 2008 vergibt die Jury für einen Film, der in vielerlei Hinsicht Brüche und Transformationen aufweist und damit ebenso viele Diskussionen und Meinungen während des Festivals hervorgerufen hat.

Was ist das Bild vom Ruhrgebiet? Wie wird dieses Bild von wem dargestellt? In welchen Kontexten wird dieses Bild außerhalb des Ruhrgebiets wahrgenommen? Wie und wer definiert letztlich „das Bild“ vom Ruhrgebiet?
„Die Lage ist schlimmer als die Leute glauben“ – eine ernsthafte und damit gewagte oder ironisch gemeinte These? Die ausgebildete Fotografin sucht ihre Motive, stellt die Kamera auf und wartet. Eine fast menschenleere Stadtlandschaft, meist kleinstädtischen Charakters. Dramatisch und zugleich belanglos. Bewegt und zugleich statisch. Langsam und zugleich schnell. Veränderung, die nur mit Geduld in den Blick kommt. Ihre Frage: was passiert vor und nach dem Moment des Auslösens – wie spielt der Zufall und die Zeit mit, wenn ich mein Fotomotiv der Zeit überlasse? Beinahe ein situationistisches Streifen durch die Zeit, könnte man sagen – das die Frage zum Ort aufwirft: Ist das Ruhrgebiet ein einzigartiges Konglomerat von Geschichte, Multikulturalität und damit ein exemplarischer Ort ständiger Transformation?“

Den mit 350 EUR dotierten und von der Fiege Brauerei gestifteten Ruhrgebietspreis 2008 hat die Jury an Isabel Hernandez übergeben. 

Turmbau

2008 | DV | 2’00’’ | EXPERIMENT
Volker Krieger | Dortmund
Und bitte…!

„Der diesjährige Querdenker war zugleich auch der jüngste Protagonist des Festivals. Er war aber vor allem der widerspenstigste und zugleich einer der neugierigsten. Stets bereit, die gestellte Aufgabe zugunsten der Kommunikation mit der Kamera zu vergessen.

Die Jury des 16. Festivals „Blicke aus dem Ruhrgebiet“ vergab den „Querdenker“-Preis gestiftet von Trailer in Höhe von 600 Euro.

Ehe die Spuren verwehen

2007 | 16mm | 15’48’’ | DOKU
Renate Günther-Greene  | Düsseldorf
Ein Gebäude, das Geschichte erzählt, wird demontiert: der Güterbahnhof in Düsseldorf-Derendorf.

6. Dezember 1941. Hilde heiratet Kurt, wohl wissend, dass sie damit die Deportation von Kurt nicht verhindert und ihre eigene Deportation besiegelt. Nur 4 Tage später werden die beiden vom Bahnhof Düsseldorf-Derendorf aus deportiert.
Mit eindrucksvollen Bildern führt uns der Film an diesen Ort des Grauens, dessen Stahlgerüst ein gewaltiger Greifbagger zu zerlegen beginnt. Film als Erinnerungsarbeit, der festhält, was verschwindet. So bewahrt er die Erinnerung an zwei von Millionen. Ein filmisches Denkmal für einen Ort, der damals der einzige und somit zentrale Bahnhof des heutigen Regierungsbezirkes Düsseldorf und damit für Judendeportationen aus Städten wie Essen, Duisburg, Oberhausen, Mülheim und Moers war.

Die Jury des 16. Festivals „Blicke aus dem Ruhrgebiet“ verleiht den „Rückblende Geschichtskulturpreis, dotierte mit 500 Euro vom „Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher und Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur“ an Renate Günther-Green für „2007. Ehe die Spuren verwehen.“