Preise und Jury Begründungen
19. blicke filmfestival des ruhrgebiets 2011

Phoenix in der Asche

2009-2011 | 88‘ | HD | Farbe
Jens Pfeifer, München
Idee, Regie: Jens Pfeifer München
Kamera: Tobias Tempel
Schnitt: Eric Asch
Produktion: Pech & Schwefel Filmproduktion

Schwerstarbeit: um den 2009 geschafften Aufstieg  in die erste Bundesliga zu erhalten, muss der Hagener Basketball-Club Phoenix eine neue Halle haben und einige Spiele gewinnen. Die Halle wird in letzter Sekunde vor Saisonstart fertig, doch im Spiel jagt eine Niederlage die nächste. Hilfe naht mit dem Superstar Michael Jordan. Doch der Retter bringt mehr mit als seinen klangvollen Namen.

„Phoenix Hagen? Wat is dat denn?“ fragte sich die Jury bis vor kurzem. Ab sofort fiebert sie mit der 1.-Liga-Basketballmannschaft am unteren Ende der Tabelle. Jens Pfeifer wirft einen unverstellten und höchst aufschlussreichen Blick hinter die Kulisse des Aufsteigers – rein beobachtend, unkommentiert, ganz nah dran am Geschehen um Trainerstab und Mannschaft setzt er das Spielgeschehen in Bildern jenseits der gängigen Sportschau-Berichterstattung sehr sparsam in Szene. Und stellt dabei auf amüsante Weise die Kontraste zwischen provinziellem Ruhrgebietsfeeling und internationalem Profisport-Flair heraus, wo die Banalität des Rühreis in der Vereinskantine die scheinbar unüberbrückbaren Kultur- und Sprachbarrieren dokumentiert.
 
Die Jury vergab den Dokumentarfilmpreis Ruhr (ex aequo) in Höhe von 500 EUR.

Glück

2011 | 5‘40‘‘ | HD | Farbe
Irfan Akcadag, Dortmund
Freie Produktion

Eine kurze Dokumentation über das Glück des eigenen Vaters.

Der kurze Dokumentarfilm beginnt mit Worten aus dem Off: „Ich nicht sprechen Deutsch, ich sprechen Türkisch.“ Hasan Akcadag, Vater des Filmemachers, fährt fort: „Ich habe das Abitur absolviert, habe jung geheiratet. Ich bin Humanist.“ Sein größtes Glück: dass seine Tochter Ärztin geworden ist.
Glück – ein ganzes, entbehrungsreiches und erfülltes Leben, erzählt in wenigen, prägnanten Sätzen und Bildern, und eine winterliche Liebeserklärung des Sohnes an den Vater, einen Imbissbesitzer aus Dortmund, dem gegenseitige Achtung und Hilfsbereitschaft unter den Menschen sowie das Fortkommen seiner Kinder das höchste Gut sind.


Die Jury vergab den Dokumentarfilmpreis Ruhr (ex aequo) in Höhe von 500 EUR.

Einige Fragmente über G.

2010 | 16‘ | VHS | Farbe
Levan Tsintsadze, Schwerte
Schauspiel: Giorgi Geliashvili, Elena Geshelashvili u.a.
Freie Produktion

Giorgi ist sieben Jahre alt. Dauernd wird er beim Spielen stören. Die Erwachsenen finden ihn merkwürdig.

Eine Reise von der Stadt in ein abgelegenes georgisches Bergdorf. Georgi, Held der poetischen, in kurzen Strophen oder Fragmenten erzählten Geschichte, verbringt seine Sommerferien bei den strengen Großeltern.  Aus dem selbstvergessenen Spiel mit Nachbarkindern und Spielzeugautos reißen ihn der Großvater und ein Nachbar heraus, die ihn im rüden Befehlston zum Zigarettenholen in den Dorfladen schicken – bis er am Ende, verdächtigt selbst geraucht zu haben, von der Großmutter in eine Kammer eingesperrt wird.
 
Die Jury vergab den Fiktionfilmpreis Ruhr in Höhe von 1.000 EUR.

Nekropolis

2010 | 3‘09‘‘ | Stopptrick, digitale Fotografie | s/w | Animation
Kerstin Gramberg, Köln
Musik: Marcus Zilz
Produktion: KHM Köln im Auftrag von ZDF/3sat für die Reihe "Der andere Blick"

Die Dynamik einer (Ruhr)Stadt rhythmisch zwischen Konstruktion und Dekonstruktion.

Kerstin Gramberg animiert die tote Stadt auf spielerisch-amüsante Weise. Sehr rhythmisch, handgemacht und liebevoll montiert folgen Konstruktion und Dekonstruktion im ständigen Wechsel aufeinander, aus Statik wird Dynamik, hinter Fassaden klafft die Leere. Das menschenleere Ambiente deutscher Metropolen verselbstständigt sich zu einem undefinierbaren architektonischen Amalgam.
 
Die Jury vergab den Experimental- und Kurzfilmpreis Ruhr in Höhe von 1.000 EUR.

Scheich Ibrahim, Bruder Jihad

2010 | 83‘ | XDCam, HD | Farbe
Andrés Rump, Roettgen-Rott
Produktion: FH Dortmund, gefördert von der Filmstiftung NRW

Ibrahim ist Schneider und Scheich. Er ruft in Damaskus zum Gebet in die Moschee und leitet im die Gesänge eines Sufiordens, die den Derwisch zur Exstase treiben. Bruder Ibrahim meditiert im Kloster mitten in der syrischen Wüste. Dort empfängt er auch BesucherInnen aus aller Welt. Beide verbindet eine jahrelange Freundschaft.

In einer Zeit neuer globaler Glaubenskriege schafft Andrés Rump eine einfühlsame Studie über die Freundschaft eines sufistischen Scheichs und eines orientalisch-christlichen Mönchs. In großer Demut ihre jeweilige Religion ausübend, zeigen Scheich Ibrahim und Bruder Jihad, dass ein religionsübergreifender Dialog durchaus möglich ist.
Der tiefe Respekt, den die beiden offensichtlich füreinander haben, wird gespiegelt von der respektvollen Darstellung der Hauptprotagonisten durch den Regisseur. Rump lässt seiner Dokumentation und damit dem Zuschauer viel Zeit, sich mit den jeweiligen Ritualen, den Gebeten, den Tänzen, der Reinigung, aber auch den alltäglichen Tagesabläufen auseinanderzusetzen. Besondere Poesie entwickelt der Film dabei gerade in den stillen, einsamen Momenten, wenn der Mönch Jihad, in großer Askese und Einsamkeit, seine Dialoge mit Gott führt – und dabei durchaus Zweifel einbringt.

 
Die Jury vergab den Preis Schmelztiegel in Höhe von 500 EUR gestiftet von Te Data.

Das Translator

2011 | 2,54 | DV | Farbe | experimentell
Dorit Kiesewetter, Carsten Knoop, Hamburg
Produktion: Warnix-Machtnix 

„Treffen sich ein Deutscher, ein Türke und ein Israeli, übersetzt der Aserbaidschaner.“ Das Internet hilft dabei.

„Lasst uns alle Arbeit – Brüder, Herz und Hand“ – Dorit Kiesewetter und Carsten Knoop jagen in Das Translator die deutsche Nationalhymne durch die wirren Gänge einer Internetübersetzungsmaschine. Übrig bleibt eine absurde Essenz deutscher Tugenden, die sie durch eine satirisch zugespitzte Bildauswahl illustrieren. So entsteht eine automatisierte und zugleich anarchische Bestandsaufnahme des Deutschseins – rasant und ungeschliffen montiert, in bester Tradition des blicke filmfestivals.

Die Jury vergab den Querdenkerpreis in Höhe von 600 EUR gestiftet von Trailer.

Rubber Soul

2010/2011 | 17‘10‘‘ | 16mm | Farbe | Fiktion
Lennart Selle, Köln
Kamera: Dirk Henkel
Musik: Ariel Pink’s Haunted Graffiti
Produktion: 16mm Workshop im Filmhaus Bielefeld, gefördert u.a. durch die Filmstiftung NRW

 

In seiner Liebe zur Musik lauscht der pubertierende Jonas auch den Tönen aus der Nachbarwohnung. Dort begegnet ihm eine fremde Welt.

Der Publikumspreis in Höhe von 300 EUR ist gestiftet vom Kulturzentrum Bahnhof Langendreer.