Preise und Jury Begründungen
20. blicke filmfestival des ruhrgebiets 2012

Dokumentarfilmpreis Ruhr

(1.500 EUR)

Am Ende aller Tage 2012 l 32´ l HDV l Doku
Irina Heckmann

Im Zentrum des Films stehen Menschen und ihre Schlafrituale. Die Kamera ist ein stiller Beobachter und begleitet sie in ihrer Routine bis in die tiefe Nacht, mitsamt ihren Träumen.

Irina Heckmann, 1980 in Omsk geboren, studierte Illustration, Grafik und Fotografie an der FH Münster. Zurzeit Studentin an der FH Dortmund/Film.

Begründung der Jury

Drei Generationen in einer Familie bereiten sich in unterschiedlicher und in der dem jeweiligen Temperament entsprechenden Weise auf das Tagesende und den Beginn der Nacht vor. Es werden minutiös die alltäglichen Rituale vor dem Zubettgehen gezeigt, gleichzeitig vollzieht sich der Übergang von den letzten, lauten Tagesaktivitäten zum Eintreten der Nachtruhe. Eine ungewohnt nahe auf den Gesichtern ruhende Kamera macht den eigentlich banalen Alltag zum faszinierenden Ereignis, ohne die Intimsphäre der Porträtierten zu verletzen und dadurch peinlich zu wirken.

„Am Ende aller Tage“ ist ein Film, der in dem sparsamen, aber konsequenten Gebrauch seiner ästhetischen Mittel (wozu auch der offensive Einsatz und die Präsenz des O-Tons gehören) seine besondere Intensität entfaltet und dadurch überzeugt.

Die einzige kritische Anmerkung der Jury gilt den Traumerzählungen am Ende des Films durch die hier erstmalig eingeführten Off-Töne, was dem bis dahin konsequent eingehaltenen Bauprinzip des Films zuwiderläuft. Aber das mindert den hervorragenden Gesamteindruck des Films nur marginal.

Fiktionfilmpreis Ruhr

zu gleichen Teilen (je 750 EUR)

Offline 2012 l 20´ l HDV l Fiktion
Benjamin Lenz, Ian Bawa, Markus Henkel, Max Walter

Das allseits präsente Internet ist zum besten Freund Jedermanns geworden und der Gesellschaft liebstes Gut. Eine Vision über eine Welt ohne Internet.

Benjamin Lenz, 1984 in Ahlen geboren, studiert an der FH Dortmund. Schnittassistenz für Adolf Winkelmann und dem WDR. „Offline“ ist die Bachelor-Arbeit von Markus Henkel.

Begründung der Jury

OFFLINE beschäftigt sich mit dem allseits gegenwärtigen Thema Internet, wie es das Leben der Menschen bestimmt. In dem Film wird visionär geschaut, wie könnte das Leben ohne Internet sein. Es wird herausgearbeitet wie sich das soziale Leben verändert und zwar in beiden Richtungen: vorher Vereinzelung, kommunikationsarmut, das Leben in seiner Gesamtheit nicht mehr wahrnehmen können. Das wandelt sich ohne funktionierendes Internet in eine Teilhabe am gemeinschaftlichen Leben in all seinen

Facetten. Der scheinbar naive Auslöser - OMA - NO - INTERNET -weist, wenn auch schmunzelnd, auf die Anfälligkeit des  gesamten Systems weltweit hin, ja, bis zur Selbstvernichtung der Menschheit. Ein naheliegendes, ernstes Thema, ironisch, im Sinne einer Parodie gearbeitet. Macht nachdenklich.

Schwarzweiße Blüten 2011 l 10´51´´ l HD l Fiktion
Irfan Akcadag

Die Geschichte eines Jungen, der die Dinge auf erfinderische Weise selbst in die Hand nimmt, um sich seinen größten Wunsch zu erfüllen: Ein rotes Fahrrad.

Irfan Akcadag ist 1993 nach Deutschland migriert. Er studiert Film/Regie an der Ruhrakademie Schwerte.

Begründung der Jury

Es geht um die Geschichte eines Jungen, der sich ein Fahrrad wünscht.

Zugleich um die Beziehung Vater / Sohn, um die Abwesenheit der Mutter, um die Erzeugung von Begehrlichkeit, andererseits Klarheit des Wunsches, Entwicklung von Fantasie und Intelligenz, den Gegenstand des Wunsches zu erlangen. In dem schwarz weiß Film mit klar gestalteten Bildern, erscheint das Objekt des Begehrens ROT (ob die Farbe ROT eine übergeordnete Bedeutung hat, bleibt dem Betrachter überlassen). Die Wandlung, den Film in Farbe enden zu lassen, symbolisiert den Klick im Kopf des Jungen, den intelligenten Gedankensprung, um das begehrte Ziel zu erreichen.

Schwarzweiße Blüten erhielt auch den PUBLIKUMSPREIS

Experimental- und Kurzfilmpreis Ruhr

zu gleichen Teilen (je 750 EUR)

Goliath 2007 l 11´ l DV l Experimentelle Animation
Roswitha von den Driesch, Jens-Uwe Dyffort

Die Neue Mitte in Marl, der Potsdamerplatz in Berlin und die Planstadt Eisenhüttenstadt wirken heute wie Symbole aus einer anderen Welt. Drei unterschiedliche Städte im wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und urbanen Wandel.

Roswitha von den Driesch, 1964 in Saarburg geboren, studierte Architektur in Mainz und Freie Kunst in Berlin. Sie arbeitet mit Video, Klang und Bildanimationen.

Jens-Uwe Dyffort, 1967 in Erfurt geboren, ist Komponist und Software Entwickler. Beide arbeiten seit 1996 zusammen und sind vielfach ausgezeichnet.

Begründung der Jury

Ausgangspunkt und Gegenstand des Experimentalfilms sind die Orte Neue Mitte Marl, Potsdamer Platz Berlin und Eisenhüttenstadt.
Eine visuell wie akustisch vielschichtig und mit großem Können gestaltete experimentelle Animation, in der durch Hinzufügen neuer Bildelemente in der ursprünglichen Einstellung und durch die zunehmenden Überlagerungen mit neuen Bildebenen der bis heute vollzogene urbane Umbau in einer fast malerischen Weise sichtbar gemacht wird.
Ein wohltuend leiser und langsamer Film, der dem Zuschauer Zeit und Raum lässt für seine eigenen Gedanken und Assoziationen.

Die Metrik des Zufalls 2012 l 4´l HD,16mm l Exp.
Werner Biedermann, Ferdinand Fries

Ein Patchwork-Parcours durch die Filmgeschichte. Ein Lebenslauf nach den Gesetzmäßigkeiten der Filmmontage und der Fantasie des Schauenden.

Werner Biedermann, 1953 in Essen geboren studierte Visuelle Kommunikation und Industrie-Design an der Folkwang-Hochschule Essen. Unter anderem war er Leiter des Kommunalen Kinos Essen, journalistisch tätig und hat Bücher produziert.

Begründung der Jury

Ein Parforce-Ritt in vier Minuten durch die Stationen des Lebens an Hand von Found-Footage-Material aus den Filmarchiven, ästhetisch stimmig und überzeugend komponiert von zwei Kennern der Filmgeschichte.

Schmelztiegel

(500 EUR, gestiftet von TeData)

Al Hadr – Die Gegenwart 2012 l 27´ l HD l Doku
Andres Rump

Eine einzige Einstellung – viel Raum. Die Kamera als unsichtbarer Beobachter zeigt uns eine unbekannte Welt, die erzählt.

Andres Rump, 1970 in Aachen geboren, studiert Architektur und Städtebau an der RWTH Aachen und Dokumentarische Kamera an der FH Dortmund. Seit 2010 arbeitet er als freier Autor, Kameramann und Fotograf.

Begründung der Jury

Eine Einstellung: Wir schauen in den Gemeinschaftsraum ein Moschee in Damaskus an einem Freitagnachmittag. Soweit die Einordnung durch Andres Rump.
Wir sehen einen kargen Raum, ausgelegt mit Stoffen und Teppichen. Becher werden verteilt auf dem Boden, Kinder laufen durchs Bild, eine Tür schlägt. Die Tür zum benachbarten Betraum. Aus diesem hören wir religiöse Gesänge und Gebete und sehen nichts. Die Aussparung dieser Bilder, diese formale Konsequenz macht den Film besonders: Im Kopf bleibt Raum für Bilder, Klischees und Fragen zum Islam, zur Religion und zur eigenen Religiosität. Diese verschmelzen mit dem Gezeigten und bleiben auch bei dem gemeinsamen Mahl der gläubigen Männer und Jungen das uns nicht vorenthalten wird.

Querdenker

(600 EUR, gestiftet von Trailer)

Manfred Peter Hein 2010-2012 l 60´ l miniDV l Doku
Frank Wierke

Der 81 Jahre alte, in Ostpreußen geborene Dichter und Übersetzer Manfred Peter Hein erzählt. Eine Spurensuche, ein Sprechen über das Leben, über die Bedingungen seines Schreibens.

Frank Wierke, in Unna geboren, studierte an der FH für Design, Dortmund. Er ist freiberuflicher Filmemacher, u.a. für ZDF/3sat und Goethe-Institut. 

Begründung der Jury

Im Mittelpunkt steht der öffentlich kaum wahrgenommene Dichter Manfred Peter Hein, 81 Jahre alt. Frank Wierke verbindet die Gedichte Heins mit Erlebtem und Erinnerten – manchmal sperrig, aber immer konzentriert und verdichtet. Wir erleben den Höhepunkt des Filmes, als Manfred Hein  das Grab seiner Eltern besucht. Ihm fehlen die Worte, er ringt um Sprache als er ihre Begeisterung für den Nationalsozialismus und sein Umgehen damit beschreiben will.
Ein berührender Moment, der das aufgebaute besondere Vertrauensverhältnis und die Nähe zwischen Filmemacher und Porträtiertem zeigt. Diese Nähe wird auch durch die konsequente, intuitiv wirkenden Kamera und die Montage erzeugt. Die gesetzten Pausen lassen Platz, bevormunden den Zuschauer nicht. Frank Wierke wiedersetzt sich dem Glatten und Einfachen – damit stellt er sich auch quer zu den  derzeit in dem Medien herrschenden Sehgewohnheiten.