Preise und Jury Begründungen
21. blicke filmfestival des ruhrgebiets 2013

Dokumentarfilmpreis Ruhr

(1.500 EUR, gestiftet von DSW21)

Ich möchte lieber nicht 2011-13 | 15‘00‘‘ | Super 16mm | Doku

Idee, Regie, Kamera: Anna Hepp, Köln
Schnitt: Anna Hepp, Brett Orloff
Musik: Marcus Overbeck, Martin Wiese

Ein filmisch-künstlerisches Porträt über den Mann, der für „Kultur für alle“kämpft. 15 Minuten Hilmar Hoffmann.

 

Anna Hepp, 1977 in Marl geboren. Studium der Pädagogik und Philosophie, Ausbildung zur Fotografin in Essen. Studium an der Kunsthochschule für MedienKöln. 2009 Diplom mit Auszeichnung. Seit 2001 Tätigkeit im Bereich Fotografie,Video und Film.
Produktion: Nachwuchsförderung Filmstiftung NRW

Begründung der Jury:
Wie ich hier in der Zeit meiner Tätigkeit als Jurymitglied erfahren habe ist das Genre „Dokumentarfilm“ nicht so eindeutig zu definieren wie man es als neutraler Betrachter vielleicht vermuten mag. Es wird durchaus kontrovers diskutiert. Ist Film „A“ noch ein Dokumentarfilm oder vielleicht doch schon eine Fiktion? Ist Film „B“ doch eher der Medienkunst als dem klassischen Film zuzurechnen?
Solche oder ähnliche Fragestellungen haben sich der Jury bei der Auswahl zum Preisträger des Dokumentarfilmpreises nicht gestellt.
Obwohl es dem Film gelingt unserem Bild und unseren Erwartungen die wir vielleicht an einem  Dokumentarfilm knüpfen, so gar nicht zu erfüllen ist es doch eindeutig ein Dokumentarfilm.
Ein Portrait über eine Person des öffentlichen Lebens. Nun mag man zunächst mit einer klassischen Konstellation rechnen.
Frage – Antwort. Rückblenden in das Leben der Kindheit, Jugend, Karriere. Kommentare von Freunden, Verwandten, Zeitzeugen.
Alldem verweigert sich die Regisseurin. Aber auch ihr Protagonist verweigert sich. Scheinbar exemplarisch für eine ganze Weltkriegsgeneration bleibt er gefangen in seiner Unnahbarkeit, seiner Unfähigkeit, Nähe zuzulassen, Emotionen zu zeigen oder diese vielleicht sogar zu empfinden.
Der Regisseurin gelingt in der Darstellung dieser Verweigerung, in der visuellen Auseinandersetzung mit dem Menschen eine Nähe zur Person, wie sie eindringlicher nicht sein könnte.
Anna Hepp wagt neue Wege zu gehen und bereichert damit das Dokumentarfilm-Genre um eine neue, bisher so nicht gesehene Variante.

„Ich möchte lieber nicht“ von Anna Hepp ist der Jurygewinner des Dokumentarfilmpreises 2013 

 

Fiktionfilmpreis Ruhr

zu gleichen Teilen (je 750 EUR)

Ren Zao Kong Jian 2012 | 53‘00‘‘ | HD | Doku

Idee, Regie: Yu Shen Su, Essen
Kamera: Yu Shen Su, Zhang Chuan, Mincheol Wang
Schnitt: Yu Shen Su, Mattias Stoll | Musik: Chih-Ming Fan

China in der Phase rapide wachsender Urbanität. Zwei besondere Städte: Yumen, die aufgegebene Geisterstadt; Kangbashi, die mythische Stadt der Zukunft. Beide nahezu menschenleer. Beide ein Produkt menschlicher Zivilisation zwischen Aufbau und Zerfall, zwischen Gestern und Morgen.

Yu Shen Su, 1979 geboren in Chiayi, Taiwan. Bachelor an der National Taiwan University of Arts 2002, Diplom an der Kunsthochschule für Medien Köln 2012.Yu Shen Su nahm zwischen 2002 und 2013 an vielen internationalen Ausstellungenteil und ist zurzeit mit seinem neuen Film bei Filmfestivals weltweit zu Gast.
Produktion: Kunsthochschule für Medien Köln, Film- und Medienstiftung NRW

Begründung der Jury:
Riesige Gerippe entstehender Gebäude, teils ungestrichen betongrau, teils von ockerfarbenen Staub der vorbeifahrenden Lastwagenkolonnen umhüllt. Vor unserem Blick realisiert sich die Entstehung einer chinesischen Metropolregion gigantischen Ausmaßes. Schwindelerregend Wolkenkratzerformationen, endlose Parks und atemberaubende Wasserspiele einer am Reißbrett und in 3D Modellen entwickelten Urbanität. Später dann das Gegenteil: verlassene, heruntergewirtschaftete Häuserreihen, zerbrochene Fenster, welke, blätternde Fassaden, eine im Untergehen begriffene, siechende Stadt. Beiden gleich ist Ihre Menschenleere. Hier die noch nicht belebte, fast noch abstrakte städtebauliche Vision und dort die bereits durchlebten, aufgegebenen Straßenzüge.

Der Film verwendet seine atemberaubenden Motive wie Akteure einer Erzählung im Spannungsfeld von visionärem Größenwahn und realitätsnaher Ernüchterung, von Manie und anteiliger Depression. In den wunderbar komponierten visuellen Tableaus sind die menschlichen Individuen zu Miniaturen und Statisten degradiert, die als insektengleiche Arbeiter, die großen Entwürfe konkretisieren oder als verlorene Zuschauer bestaunen.

Nur zweimal verlässt der Film seine erhöhte Position und begibt sich mit den Menschen auf Augenhöhe. Das erste Mal sehen wir eine Frau, die in ihrer Funktion als Darstellerin der gängigen Propaganda ähnlich leblos und artifiziell erscheint, wie die architektonischen Realisationen. Beim zweiten Mal findet die Kamera zwei Jungen, die über die verlassenen Plätze und durch heruntergekommene Gebäude streifen. Dort fördern sie ein grausiges Bild zutage: In einem entlegenen Raum entdeckten sie eine junge Frau und ihr kleines Kind, offenbar von Kopfschüsse niedergestreckt. Dieses Bild, ob tatsächlich wahr oder kindliche Fantasie, liegt von nun an wie ein dumpfes Dröhnen unter den oft majestätischen Motiven. Es unterlegt alles mit dem Eindruck einer skrupellosen Kälte und Brutalität und einem Verrat an der kommenden Generation, die auch nach dem Schauen des Filmes nachhallt.

So zeichnet der Film ein düsteres, apokalyptisches Bild der gegenwärtigen chinesischen Realität, der wir uns nicht entziehen konnten.

Wir freuen uns, den Fiktionsfilmpreis Ruhr zur einen Hälfte an den Film „Ren Zao Kong Jian“ vergeben zu dürfen.

 

Ewiges Licht 2012 | 2‘15‘‘ | HD | experimentell
Sven Stephani, Bochum

Wenn die Aliens nach Bochum kommen, wird alles anders. Oder sind sie schon da?

Sven Stephani, 1985 in Flensburg geboren, studiert seit sieben Jahren Vergleichende Literatur- und Theaterwissenschaft an der Ruhr Uni Bochum. Er macht Performances, Schauspiel, Lesungen, Ausstellungen und Filmvorführungen. Produktion: Eigenmittel

Begründung der Jury:
Sind es elfische Irrlichter? Außerirdische beim Stadtspaziergang? Das Flackern des Jenseits? Oder doch nur ein paar freigelassene Leuchtdioden? Jedenfalls sprechen sie zu uns, mit Stimmen, die gut verständlich aber doch fremd sind. Doch sie leben nicht im einsamen Wald oder im Raumfahrtschiff von Mars Attacks, sondern in den Laternen des Lidl-Parkplatzes, der ist übrigens fast gegenüber von unserem Hotel. Schnell wird aus ein paar unregelmäßig hellen Flecken ein hingehauchtes surrealistisches Filmgedicht. Und der vermutlich kürzeste auch noch spirituell unterfütterte Science-Fiction-Film der Welt.  - ausgerechnet im Bochumer Bermudadreieck  Auf jeden Fall sieht nach diesem Film die banale Welt da draußen für immer ziemlich anders aus. Und das  verbindet ihn mit anderen wirklich guten Geschichten.

Wir geben mit großem Vergnügen den Preis für Fiktion zur zweiten gleichberechtigten Hälfte an Sven Stephani für „Ewiges Licht“

Medienkunst Filmpreis Ruhr

(750 EUR)

Southstation-Sunville 2012-13 | 12‘53‘‘ | HD | Doku

Horst Herz, Dortmund

Die Geschichte eines Bahnhofes. Brachland pur.

Horst Herz, seit 1981 Arbeit als Fotograf, Filmemacher (Autor, Regie, Kamera, Schnitt). Eigene Filmproduktion seit 1984. Produzent von vorwiegend langenKino- und Dokumentarfilmen. Atelier im Künstlerhaus Dortmund.
Produktion: No Budget

Begründung der Jury:
Mitten im Dortmunder Zentrum verlassenen wir die gewohnten Wege, biegen hinter einem offen stehenden Bauzaun vom Bürgersteig ab und steigen eine kopfsteingepflasterte Böschung hinauf.
Obwohl zentral in der Stadt gelegen, findet der Film einen Ort, der aus den Blicken der meisten Bewohner längst verschwunden ist: die Ruine eines verlassenen Bahnhofs, inzwischen mutiert zu einem Spielplatz und Rückzugsort eines randständigen Teils der Gesellschaft.
Wir sehen die Überreste von Partys und Grillabenden, finden zurückgelassene Schlafstätten und Kleidungstücke. Wie Artefakte einer untergegangenen Zivilisation nimmt  der forschende Blick der Kamera alle herumliegenden Details in Augenschein. Aus den überbordenden, alles überlagernden Graffitis und wie zufällig daliegenden Material-anordnungen, den Spuren der Verwüstung und des Vandalismus, extrahiert die Kamera Bilder, die eine erstaunliche ästhetische und künstlerische Spannung beinhalten. Würde man diesen Bildern in Museen und Ausstellungsräumen beginnen, niemand würde sich ernsthaft wundern. Aber erst die strenge Kadrierung der Kamera findet und schafft diese Collagen, aus denen das unerschöpfliche Potential kreativer Entladung ebenso spricht, wie die Intensität von Gewalt und Verzweiflung, die sich an diesem gesellschaftlich aufgebenen Ort immer wieder entlädt. Im bemerkenswerten Zusammenspiel mit dem Ton, der sich über Geh- und Schleifgeräusche zu einer Musik mit polterndem, treibenden Rhythmus entwickelt, erzeugt der Film eine Sogwirkung, die uns immer weiter eindringen lässt in die Formen, Farben und Rhythmen dieses abseitigen Ortes.

Wir freuen uns, durch den Film „Southstation-Sunville“ diesen Ort entdeckt zu haben und zeichnen ihn sehr gerne mit dem Medienkunstpreis Ruhr aus!

 

Querdenker

(600 EUR, gestiftet von Trailer)

Kiosk 2009 | 10‘00‘‘ | HD | Doku

Irfan Akcadag, Dortmund

Ein gewöhnlicher Arbeitstag in einem Kiosk im Dortmunder Norden. Mehr als Hansa Pils, Red Bull und Capri Sonne. Braucht ihr noch was? Ich geh mal eben zur Bude.

 

 

Irfan Akcadag, 1985 in Adana/Türkei geboren. Film/Regie Studium an der Ruhrakademie Schwerte. Freiberuflich als Kameramann und Regisseur bei überRot Film tätig.
Produktion: Eigenmittel

Begründung der Jury:
Mit der Handkamera gedreht. Fast nur eine Einstellung. Ein Mikrokosmos auf 5 Quadratmeter und trotzdem scheint sich die ganze Welt versammelt zu haben. Migration, Integration, Heimat, Rausch, Drogen, Alkohol, Arbeitsliosigkeit, Armut. Mit einer großen Wucht und einer selten gesehenen Direktheit zeigt uns Irfan Akcadag was Multikulti, jenseits von Hochglanzbroschüren und Wahlversprechen auch bedeutet.
Den Querdenkerpreis für Kiosk – von Irfan Akcadag

Schmelztiegel

(500 EUR, gestiftet von TeData)

Weltklasse Kreisklasse 2013 | 95‘00‘‘ | HD | Doku

Idee, Regie: Daniel Huhn, Münster
Kamera: Klaus Betzl | Schnitt: Julian Isfort
Musik: Jens Heuler

Trainieren, verlieren, gewinnen. Fußball eben. Genclikspor Recklinghausen lebt. Auf und jenseits des grünen Rasens. Eine Saison Vereinsleben.

 

Daniel Huhn, 1985 in Münster geboren, machte sein Abitur in Recklinghausen,
studierte Geschichts- und Politikwissenschaft an der Universität Münster und arbeitete nebenbei als EB-Techniker und Kameraassistent beim WDR. Seit 2012 ist er Lehrbeauftragter an der Musikhochschule Münster im Fach Video/Film.
Produktion: Förderung durch Film und Medien Stiftung NRW und Sparkasse Vest.

Begründung der Jury:
Was ihre Heimat sei, werden Migranten und ihre Kinder oft gefragt und die nationale Zugehörigkeit spielt bei der erwarteten Antwort eine große Rolle. Doch es gibt auch einen ganz anderen Begriff von Heimat.  Heimat , die dort entsteht, wo Menschen die Macht und Möglichkeit haben, zumindest ein kleines Stückchen Welt nach eigenem Willen zu gestalten. Das mit Fotos und Wimpeln bestückte Vereinsheim eines türkisch-deutschen Amateur-Fußballclubs in Recklinghausen zum Beispiel, das nicht nur vom Abstieg, sondern auch vom Missverständnissen zwischen zwei Generationen bedroht ist, deren Mit- und Gegeneinander die Kamera in grandios eingefangenen  Tableaus einfängt. Der Blick auf Personen und Ereignisse ist dabei eher geduldig als nach Fernsehart zugespitzt, eher versöhnlich als hart, doch so genau und reich angelegt, dass das Publikum in großer Freiheit  ohne dramaturgische Bevormundung Brüche und Reibungspunkte selbst entdecken kann.

Wir freuen uns, den Schmelztiegelpreis des Festivals an Daniel Huhn für Weltklasse Kreisklasse“ zu vergeben.  

Daniel Huhn erhielt für "Weltklasse Kreisklasse" auch den PUBLIKUMSPREIS

 

Preis des Veranstalters

Der blicke Veranstalterpreis ist ein Förderpreis, der junge Talente im Ruhrgebiet weiter ermuntern und anregen soll. Wir haben uns dieses Jahr bewusst dazu entschlossen diesen Preis zum ersten Mal zu vergeben. Als Veranstalter und Mitglieder der Auswahlkommission ist es uns ein Anliegen ein junges Talent des Ruhrgebiets und der FH Dortmund für seinen Diplomfilm auszuzeichnen und unsere langjährige Partnerschaft und Zusammenarbeit mit der Fachhochschule zu würdigen und weiter zu festigen. Dieser Preis ist dotiert mit 750 EUR.

Cruz Verde 2012 | 28‘36‘‘ | Red Epic Raw | Fiktion

Idee, Regie: Sandra Birkner, Dortmund

Kamera: Lisa Maria Müller

Schnitt: Fiona Brands | Musik: Markus Roser

Schauspiel: Michèle Fichtner, Eva Maria May

 

Ein Anruf und von jetzt auf gleich ist Mias Leben aus dem Gleichgewicht.

Ihre Freundin Karla ist tot. Spontan bricht sie zu einer ungewissen Reise auf.

 

Sandra Birkner, geboren 1984 in Gera, 2002-2005 Ausbildung zur Fotografin, seit 2005 Foto- und Produktionsassistenz und Locationscouting. Ab 2005 freiberufliche Tätigkeit als Fotografin. Nach 2006 FH Dortmund – FB Design Kommunikationsdesign. Seit 2009 Regie und Produktion von Kurzfilmen.

Produktion: Koproduktion tremoniamedia GmbH, 3.000 EUR über Startnext

Begründung:
Es ist nicht nur die Reise einer jungen Frau nach Spanien sondern eine Reise in die Vergangenheit, in die Tiefen ihrer Erinnerung an einen geliebten Menschen. Die Fiktion von Sandra Birkner hat es vom ersten Moment an geschafft uns auf diese Reise mitzunehmen.blicke vergibt daher in diesem Jahr den Veranstalterpreis an Sandra Birkner für Cruz Verde.