Preisträger und Jury Begründungen 2015

Esther Rossenbach, Lisa Domin und Frank Brenner, die Mitglieder der Jury 2015 - hier mit Irfan Akcadag und Florian Pawliczek -, vergaben fünf Preise und sprachen eine lobende Erwähnung aus.

Dokumentarfilmpreis Ruhr

dotiert mit 1.500 EUR, gestiftet von DSW21

Aprikosenbäume | 2015 | 26’20’’ | HD | Doku
Irfan Akcadag, Dortmund

   
Ibrahims Gesicht ist so zerfurcht wie die Stämme seiner Aprikosenbäume. Wie jedes Jahr fährt er zur Erntezeit mit seiner Familie aufs Land, doch die Bäume tragen keine Früchte mehr, und die Töchter bleiben in der Stadt zurück. In komplexen Familienbanden liegen alte Konflikte und Verletzungen verborgen.
Irfan Akcadag, Film/Regie Studium an der Ruhrakademie Schwerte. Freiberuflicher Kameramann und Regisseur bei überRot Film.
Produktion: Eigenmittel

Begründung der Jury:
Wir möchten einen Film auszeichnen, der uns nicht nur in einzelnen Aspekten, sondern in seiner Gesamtheit überzeugt hat. Besonders prägnant ist bei diesem Film sein gezielter dramaturgischer Spannungsaufbau. Durch eine Art choreografierte Preisgabe der einzelnen Erzählstränge, fügt sich die Familiengeschichte Stück für Stück wie ein Puzzle zusammen. Die Dramatik der Geschichte wird dabei nicht zur Schau gestellt, sondern einfühlsam mit dem heutigen Blick auf das Vergangene verwoben.
Die tolle Kameraarbeit und Montage überzeugt ebenso wie die Intensität der Verhandlung über den Wert eines Menschen – sei es Sohn, Tochter, Vater oder Ehefrau – und die Wandlungsfähigkeit in scheinbar festen Traditionen.

Preis für experimentelle Kunst und Animation Ruhr
dotiert mit 1.500 EUR

In other words | 2014 | 9’30’’ | HD | experimentell
Daniel Burkhardt, Köln

  
Stille Bilder von verspiegelten Oberflächen, Eisblumen, gläsernen Scheiben, fragmentartige Stadtansichten und Landschaftsausschnitte. Verbindungen zwischen den Bildern entstehen und verschwinden ebenso unmerklich wie das Zittern der Blätter im Wind, der einer ruhigen Aufnahme eben noch Bewegung eingehaucht hat.

Daniel Burkhardt, 1977 in Bochum geboren. Studium audiovisuelle Medien im FB Medienkunst an der KHM Köln. Seit 2004 werden seine Arbeiten in internationalen Ausstellungen und Screenings in Museen, Kunstvereinen und auf Filmfestivals präsentiert, u.a. im Centre Pompidou Paris oder auf dem Internationalen Filmfestival Rotterdam.
Produktion: Eigenmittel

Begründung der Jury:
Wir haben uns für einen stillen Film entschieden. Überzeugt hat uns das subtile Spiel mit der Wahrnehmung, die Suche nach Bildern mit doppeltem Boden, die Variation der Fokusverschiebung. Die langen, beinahe fotografischen Aufnahmen lenken die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das Detail.
So durchsichtig manche Bildfragmente sind, so sehr reflektieren sie in der nächsten Einstellung die Umgebung, die Komposition, das Bilder machen an sich.

 

Fiktionsfilmpreis Ruhr
dotiert mit 1.500EUR

 

3000 | 2015 | 37‘ | Super 16mm | Fiktion
Idee, Regie: Leonel Dietsche, Berlin 
Kamera: Roy Yunus Immer, Roland Stupich, Ferhat Topraklar 
Schnitt: Timm Kröger Sound-Design: Dominik Leube 
Musik: Lude, Bowen Liu, Bernd Nautilus
Während die alten Städte vom Ende des zweiten Jahrtausends verfallen, schließen sich die Menschen in der „Übergangszeit“ zu neuen Gemeinschaften zusammen. Spiritistische Sekten bieten ebenso ein neues Zuhause wie Elektropartys im Neonlicht, die niemals enden wollen. Die Zukunft ist in der Gegenwart angekommen.
Leonel Dietsche, in Bochum geboren. Verschiedene Tätigkeiten in München und Hamburg, u.a. für „ARTE Tracks“. Seit 2009 Studium Dokumentarisches Filmen an der Filmakademie Baden-Württemberg / Ludwigsburg. Seit 2013 freiberufliche Arbeit für die WDR-Sendung „Hier und Heute“. „3000“ ist sein erster fiktionaler Film.
Produktion: Filmakademie Baden Württemberg

Begründung der Jury:
Die Grenzen zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem verschwimmen immer mehr, auch bei den Wettbewerbsbeiträgen des blicke-Filmfestivals. Realen Umgebungen wohnt mitunter das Potential des Fiktiven inne, einiges wirkt in seiner Übertriebenheit ausgedacht oder sogar futuristisch. Mithilfe einer originellen und mutigen Konzeption erzählt der Filmemacher mit dokumentarischen Bildern eine fiktionale Geschichte, mutet dem Dokumentierten dabei allerhand zu und löst zugleich Assoziationsketten beim Zuschauer aus.

 

Querdenkerpreis

dotiert mit 600 EUR, gestiftet von Trailer Ruhr

Ausfahrt Hagen West | 2015 | 24‘ | HD | Doku
Florian Pawliczek, Dortmund   


Er schreibt Gedichte, arbeitet als Seifenblasenkünstler, bastelt an seinen ferngesteuerten Flugzeugen und seine Lieblingsfarbe ist Gelb. Der Filmemacher porträtiert den eigenen Vater.
Florian Pawliczek, 1981 in Herdecke geboren. 2004 - 2010 Kamera Studium an der FH Dortmund.
Produktion: Gefördert von der Film und Medien Stiftung NRW

Begründung der Jury:
In dieser Dokumentation geht es um einen Menschen, der immer seine eigenen Wege gegangen ist, immer offen für Neues, und dessen größte Freude darin besteht, andere Menschen glücklich zu machen. Der Regisseur hat diesem Querdenker im Film eine Plattform und damit seinerseits dem Ungewöhnlichen und Exzentrischen eine Stimme und ein Gesicht gegeben. Filmmaterial aus sechs Jahren hat er auf ebenso poetische wie durchdachte Weise zu einem knapp halbstündigen Film verdichtet, und dem Publikum damit einen gleichermaßen liebevollen wie distanzierten Blick auf seinen Vater ermöglicht.

action: gender Preis
dotiert mit 500 EUR, gestiftet von der Gleichstellungsstelle der Stadt Bochum

Oh Brother | 2014 | 10’ | HD | Doku
Michelle Heipel, Essen

 
Philipp will Kampfpilot werden. Seine ältere Schwester begleitet ihn mit ihrer Kamera beim Krafttraining in seinem Zimmer, in seine Computerspielwelt, zu einem Flugsimulator. Ein Film über die Unsicherheiten des Erwachsenwerdens.
Michelle Heipel, 1991 in Köln geboren. Studium der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste Essen. Nach ihrem Bachelor möchte sie an der KHM Köln studieren.
Produktion: Eigenmittel, Equipment Folkwang

Begründung der Jury:
Mit dem action: gender Preis wollen wir einen Film auszeichnen, der tatsächlich mit action zu tun hat, denn der Begriff "action" wird uns im Film erklärt. Natürlich hat der Film aber auch mit dem gender-Thema zu tun. Denn er handelt von einem jungen Mann auf Identitätssuche. Die Filmemacherin porträtiert mit großer emotionaler Direktheit ihren kleinen Bruder. Sie findet sehr einprägsame und humorvolle Bilder, um die Nähe und Distanz zwischen den Geschwistern abzubilden.

Lobende Erwähnung

Auf dem Weg | 2015 | 10‘ | HD | Doku
Idee, Regie, Schnitt: Fatih Aydin u. Tasnim Jabaly, Remscheid
Kamera: Fatih Aydin 

 
„Ich hätte nie im Leben daran gedacht, dass in Syrien ein Krieg ausbrechen wird, dass ich den Wasserhahn aufdrehe und kein Tropfen Wasser kommt raus“. Akram und Dilawer haben Krieg und Flucht überlebt, aber Freunde und Familien verloren.
Fatih Aydin, 1990 geboren. Seit 2011 Studium der Medientechnik an der Hochschule Düsseldorf. Freier Mitarbeiter im Medienprojekt Wuppertal. 
Tasnim Jabal, 1996 in Bochum geboren. Seit 2014 Bachelorstudium der Psychologie an der Bergischen Universität Wuppertal
Produktion: Medienprojekt Wuppertal