Pressestimmen 2016

Trailer Ruhr

Gewinnerin des Querdenker-Preises: Juliane Henrich überzeugte mit ihrem Filmessay „Aus westlichen Richtungen" Foto: Benjamin Trilling

Graue Wände, aber viel Hoffnung

27. November 2016

Die Gewinner des „blicke. Filmfestival des Ruhrgebiets“ 2016 – Festival 11/16

„Ich bin hier, um ein neues Leben anzufangen“, sagt Biran. Zur Schule will er gehen, einen Beruf erlernen – trotz aller Ungewissheit, wie lange er in Deutschland bleiben kann. Die Erinnerung will der Jugendliche am liebsten auslöschen. Genauso wie die anderen Flüchtlinge, die in einer Aachener Jugendunterkunft leben und im Film „Ferne Söhne“ porträtiert werden.

Sie erzählen von der todesgefährlichen Flucht, den zurückgelassenen Familien, von Terror und Krieg. Regisseur Andres Rump lässt die Protagonisten all das nur aus dem Off erzählen und fängt ihren Alltag in starren Schwarz-Weiß-Bildern ein. Trotz der Schilderung der schrecklichen Erlebnisse vermeidet er damit jeglichen Voyeurismus und rückt die Menschen mit ihren Ängsten und Traumata, aber auch mit ihren Wünschen und Hoffnungen in den Vordergrund.

Dafür erhielt Rump zurecht nicht nur eine Auszeichnung beim Dok Leipzig, sondern auch den mit 1.500 Euro dotieren blicke-Filmpreis. Insgesamt 39 Filme konkurrierten in diesem Jahr im Wettbewerb der 24. Ausgabe des blicke-Festivals miteinander, die Gewinner wurden im Rahmen der offiziellen Presiverleihung am 26.11. im endstation.Kino in Bochum bekannt gegeben.

Szene aus „Ferne Söhne“, dem Gewinner des blicke-Filmpreises, Foto: Andres Rump

Der von trailer gestiftete Querdenker-Preis ging an Juliane Henrich für ihren Filmessay „Aus westlichen Richtungen". Fast kindlich fragt die Regisseurin darin, was den „Westen", die (alte) Bundesrepublik ausmachte, reflektiert über die Architektur und erinnert sich an die eigene Kindheit.

Zu sehen gibt es vor allem graue Gebäude: „Am Anfang stand das Interesse für Architektur und Bilder der Stadt, in denen man verschiedene Schichtungen und Konzepte sieht", so die Regisseurin, die bei ihrer Spurensuche nach dem Gesellschaftsmodell der jungen Bundesrepublik auch Texte von Adenauer oder Ludwig Erhard aufgreift: „Die Ideologie des Einfamilienhauses hat mich interessiert, wie sie in den 50er Jahren propagiert wird und immer noch zu Zersiedlung führt. Auf der anderen Seite fand ich die Großsiedlungen der 60er und 70er Jahre faszinierend und die ganz anderen politischen Konzepte, die ursprünglich dahinter standen".

Dass ihre Eltern damals in Radikalopposition zur Sozialen Markwirtschaft standen und in K-Gruppen engagiert waren, prägt den Blick auf den „Westen" genauso: „Nach und nach kam auch eine persönliche Geschichte dazu", so die Regisseurin über die Entstehung des Films, die auch mit einer leisen Kritik an die Elterngeneration verbunden sei und ihrer im Sande verlaufenen Ziele. Eine leise wie subtile Systemkritik des Beton gewordenen Mythos BRD.

 „Aus westlichen Richtungen" sucht das Gesellschaftsmodell BRD, Foto:Juliane Henrich

Brennpunkt Kaugummiautomat

Tristesse, soweit man schaut, gibt es zunächst auch in „Erfrischend einzigartig“ zu sehen. Regisseur Johannes Klais fängt in seinem mit dem Dokumentarfilmpreis Ruhr ausgezeichneten Beitrag das aussterbende Leben rund um die letzten Kaugummiautomaten des Ruhrgebiets ein. Wie Relikte stehen sie an den verlassenen Straßen und erinnern an alte Zeiten, in denen die Menschen schwelgen, die Klais in seinem Dokumentarfilm zu Wort kommen lässt.

Der von der Gleichstellungsstelle der Stadt Bochum gestiftete action:gender-Preis ging an „Die Küche meiner Mutter“. Regisseur Dominik Zurowski besucht mit der Kamera seine Großmutter in der polnischen Provinz. Der Schauplatz: Die Küche, in der die 97-Jährige ihre meiste Zeit verbringt und zugleich ein Ort der Erinnerung oder des Austauschs über tagespolitische Ereignisse wie die Krim-Krise.

Schäbige Kreuzungen, Ruinen der frühen BRD oder die ungewisse Zukunft von jugendlichen Flüchtlingen. Das diesjährige blicke-Filmfestival lässt die großen Themen in kleinen Geschichten entdecken. Die Erkenntnis: Viele graue Wände, aber noch mehr Hoffnung auf der Leinwand.  

Zufriedene Gesichter: Die PreisträgerInnen des Abends mit der Jury, Foto: Benjamin Trilling

Benjamin Trilling

 

Ruhr Nachrichten 25.11.2016

Festival "Blicke" Kinobilder, die von Gefühlen sprechen

 

BOCHUM Es gibt nicht nur Filme beim Bochumer Festival "Blicke" im Kino "Endstation", sondern auch Gelegenheit, deren Macher kennen zu lernen. Regisseure stellen sich dem Publikum, es darf und soll diskutiert werden.

 

Szene aus „Rendezvous“, an der Kamera Claire Jahn.

Im Werkstattgespräch am Samstag (17.30 Uhr) erzählt Kamerafrau Claire Jahn von ihrer Arbeit für Film und Werbung, ihrem Werdegang und ihrem Studium an der Dortmunder Fachhochschule. Und natürlich gibt es Filme zu sehen, bei denen Claire Jahn die Kamera führte: Das Festival zeigt zwei kurze Spielfilme, Sylvia Borges' "Rendezvous" und Claudia Sárkánys "Cristina". Zu erleben ist, wie Jahn Motive findet, die einfühlsam die Gefühlswelt zweier Frauen erschließen, mal dynamisch, dann auf stille Momente konzentriert.

Durch den Wettbewerb ziehen sich kurze Filme, oft mit experimentellem Charakter. "Two Tales II" vom Wittener Trio Leuchtstoff lässt Schatten zu einer Rhythmusphrase flackern, auf Kontrast getrimmte Bilder von Hitchcock und Chaplin.

Pop von "Glitterminister"

"Baggage Man" von Matthias Gerding und Dennis Colquhoun gefällt als formal ansprechendes Musikvideo, in dem digital generierte, geisterhafte Konturen von Menschen und Räumen zu sehen sind. Konventioneller fällt das Musikvideo "Blaue Rosen" aus, bei dem der Bochumer Lucas Franken federführend war. Zwei Jungs hetzen durch Paris. Die Bilder sind grau, koloriert ist nur die blaue Rose, die im Disko-Pop vom Duo "Glitterminister" besungen wird. Als satirische Posse lässt sich Peter Bövings "Patata Day" beschreiben: Animierte Kartoffeln tanzen Ballett im Fastfood-Restaurant.

Explodierende Farben

Noch ein Musikclip: Lenia Friedrichs "Starglue Sniffer" malt den Rausch des Leim-Schnüffelns in explodierenden Farben und reduzierter Ästhetik. Ein schöner Jux ist Volker Heymanns "Mit dem Wackeldackel durch das Ruhrgebiet": Heymann reimt über Bäcker, Schoko-Klicker, Häkeldecke, das Ruhrpott-Idiom wird rhythmische Wortmusik.


Diese Filme laufen Samstag ab 15.30 Uhr im Kino "Endstation". Die Preisträger präsentiert das Festival am Sonntag um 11 Uhr.

Kai Uwe Brinkmann

 

 

Ruhr Nachrichten 23.11.16

24. Filmfestival "Blicke" Das eigene Heim – bloß Opium fürs Volk?

BOCHUM Arbeiten über das Ruhrgebiet oder solche von Regisseuren, die hier leben. Zum 24. Mal wird das Bochumer Filmfestival "Blicke" ab heute zum Schaufenster auf das Filmschaffen der Region.


In der Weite der Steppe liegt irgendwo „Der Block“. Nadine Bollers Dokumentation steht am ersten Festivaltag auf dem Programm.

Bis Sonntag laufen im Kino "Endstation" Streifen aller Genres, die dazu einladen, der Filmszene Ruhr den Puls zu fühlen. Perlen gibt es in jedem der zehn Wettbewerbspro-gramme zu entdecken.

Am Mittwoch (19.30 Uhr), außerhalb der Konkurrenz, läuft Nadine Bollers Doku "Der Block". Es handelt sich um ein altes Betonfundament, das im Nirgendwo der kirgisischen Steppe zum Treff- und Kommunikationspunkt wurde.

Wer auf ihm steht, hat besseren Handy-Empfang. Bollers Kamera ist mit Abstand positioniert, am Block aber muss ein Mikro sein, das Gespräche auffängt. Das Leben der Reisenden erreicht uns in Form telefonischer Fetzen.

Eine Demo in Paris

Aus vielen kleinen Stücken setzt Juliane Henrich ein Mosaik  westdeutscher Stadtlandschaft zusammen. Reihenhäuschen, Hochhäuser, Baumärkte, Schnellstraßen. Koblenz, Dortmund, Frankfurt. Was daherkommt wie eine Architekturstudie überwölbt Henrich mit Zitaten von Adenauer und Ludwig Erhard zu einer Analyse von Politik und Wohnungsbau. Krupp baut Arbeitersiedlungen, die Bundesrepublik fördert das Grundeigentum, durchaus mit Hintergedanken.

Eigenheime sind doch Opium fürs Volk, meinte sinngemäß Friedrich Engels, Henrichs Eltern (aktiv in der KPD) würden wohl zustimmen. "Aus westlichen Richtungen" läuft am Samstag um 19.30 Uhr.

Sehenswert auch Volker Kösters "Wo Feuer ist, ist auch Rauch" (Freitag, 16 Uhr): Eine Recherche zur Arbeit der Presse. "Chaoten zünden Streifenwagen an und zerren Polizisten aus dem Auto", titelten viele Zeitungen nach einer Demo in Paris. Köster hat Handyvideos des Vorfalls ausgewertet. Was passierte, was ist medial aufgebauscht? Eine Doku über journalistische Sorgfaltspflicht und ihre Verletzung.
Kai Brinkmann

Pressestimmen 2015

Die Studenten der FH Dortmund in ihrer begehbaren Krimi-Installation „Im Zwielicht der Villa Buxley“

Fotos: Dominik Lenze

Jenseits der Leinwand

30. November 2015

23. blicke-Festival im endstation-Kino in Langendreer – Festival 11/15

Die Blicke im Kinosaal richten sich gemeinhin auf die Leinwand – jene magische, fast sakrale Membran, die uns von der Welt des Filmes trennt. Das diesjährige Blicke-Festival im endstation.kino erweitert den Blick des Filmfreundes: ob begehbares Expanded-Cinema im Stile eines Gruselkabinetts, Diskussionsrunden über die ökonomische Zukunft des Films oder spannende Experimentalfilme, blicke stellt unser Verständnis von Filmkunst auf eine spannende Probe.

Zum Beispiel Daniel Burkhardts „In Other Words“: schwitziges Glas im Tropenhaus, Fliegengitter an denen sich die Sonne bricht, ein von Enten übersähter See – mit seinen stummen Aufnahmen von Flächen regt der 10-Minüter zur Reflexion über jene Fläche an, auf die das Filmkunstwerk just in diesem Augenblick projiziert wird. Das bis in den Kinosaal hörbare Rumpeln auf den nahen Bahnschienen verbindet sich auf magische Weise mit dem Film, der völlig verdient den Preis für experimentelle Kunst und Animation bekam.

Expanded Cinema im völlig beabsichtigten Sinne gibt es im Obergeschoss des endstation.kinos zu entdecken: „Im Zwielicht der Villa Buxley“ heißt eine Rauminstallation der Fachhochschule Dortmund, die bald auch im „U“ zu sehen sein wird. Der Betrachter wird selbst zum Akteur und soll anhand eingespielter Audio- und Filmsequenzen einen Mord aufklären, in einem mit Liebe zum Detail gestalteten Gruselkabinett. Und dann ist da noch „Little Paris“, eine 360°-Videoinstallation des Oberhauseners Volker Köster: In einer knapp zweieinhalbminütigen Sequenz verschmelzen Notre-Dame, Arc de Triomphe und Tour d'Eiffel mal zum kaleidoskopischen Innenraum-Kosmos, mal vogelperspektivisch zum virtuellen Kleinplaneten. Unterlegt mit der magischen „Amélie“-Filmmusik trifft die Hommage an das ‚alte Europa‘ das Herz des Betrachters.

Ifran Akcadag, Regisseur des Familienporträts „Aprikosenbäume“

 

Auch wirtschaftlich prekäre Verhältnisse sind Thema, zum Beispiel in Daniel Heins Portrait „Sonderreiniger, Schriftsteller“ über den Dortmunder Autor Hartmuth Mallorny, der tagsüber U-Bahn-Graffiti entfernt und abends schreibt. Ökonomisch mit dem Rücken zur Wand stehen auch viele Filmemacher – genau darum geht es in der Diskussionsrunde „Wohin geht der Film?“. Ob die Filmschaffenden sich nun „hervorragend in der Selbstausbeutung arrangiert haben“, wie es DSW21-Sprecher Thomas Steffen unglücklich formuliert, sei dahingestellt. Abgesehen von anderen Fettnäppfchen, in denen sich der Unternehmensprecher weniger hervorragend arrangierte („Dortmund hat kein erstklassiges Kino“) ist aber vor allen Dingen eines spannend: Die Dortmunder Verkehrsbetriebe planen offenbar, künftig in Filmförderung zu investieren. Beispielsweise sollen die Screens in den U-Bahnhöfen bald Kurzfilme zeigen – bleibt zu hoffen, dass den Worten Taten folgen.

 Anregungen für diese Idee konnte sich der DSW21-Sprecher sicherlich beim blicke-Festival holen: Zum Beispiel der fantasievolle Tanzfilm „Approaching the Puddle“ von Sebastian Gimmel und Homai Toyoda: Der elegante Tanz in Gummistiefeln auf einem pfützenübersähten Hinterhofparkplatz würde auch ohne Ton funktionieren, so grazil sind die Bewegungen der schweigenden Schönheit im Schlechtwetter-Dress.

Neben fantasievollen Experimenten sind dieses Jahr offenbar Familienporträts schwer angesagt: „Aprikosenbäume“ von Irfan Akcadag (Doku-Preis), „Oh Brother“ von Michelle Heipel (action:gender-Preis) und nicht zuletzt Florian Pawliczeks „Ausfahrt Hagen-West“ (Publikumspreis und trailer-Querdenker-Preis) – gleich drei Preisträgerfilme überzeugen durch die respektvolle Zeichnung ihrer Liebsten auf Celluloid.

Für „Ausfahrt Hagen-West“ hat Pawliczek über mehrere Jahre das schräge Alltagsleben seines Vaters aufgezeichnet, zunächst ohne die Absicht, einen Film daraus zu machen. Das Ergebnis ist die filmische Liebeserklärung an den modernen Harlekin, Seifenblasen- und Lebenskünstler, der, wie er von sich selbst sagt, eines am besten kann: Menschen sehr, sehr glücklich machen. Wie wahr.

 

Florian Pawliczek überzeugte mit seinem Film sowohl Jury als auch Publikum

Einer der spannendsten Beiträge in diesem Jahr ist definitiv „3000“ von Leonel Dietsche (Gewinner des Fiktionspreises): Mittels dokumentarischer Aufnahmen aus Altersheimen, von Techno-Parties und Selbstoptimierung beim Sport, zeichnet der Film ein Bild unserer Gegenwart als „Übergangszeit“ – jeder sucht, niemand findet. Der Clou des kleinen Meisterwerks ist, dass der Film als historische Doku aus Sicht einer vorgestellten Zukunft auf unser Leben blickt. Apokalyptische Endzeitstimmung infiziert so unseren gewohnten Alltag: Nach „3000“ raved es sich anders, und auch der Besuch bei Oma im Altersheim wird sich nun anders anfühlen – ein Film, der die Leinwand verlässt, und uns beim Verlassen des Kinosaals durch unseren Alltag begleitet.

Dominik Lenze und Ulrich Schröder

 

Genitalien egal

10. August 2015

Neuer Preis „action:gender“ beim blicke-Filmfestival

Im Juli bezeichnete Biologieprofessor Ulrich Kutschera im RBB Gender-Wissenschaften als Ideologie und verglich diese mit christlichem Kreationismus. In verschiedenen Medien wird seitdem über die Bedeutung und Berechtigung von Gender Studies gestritten. Die Debatte zeigt, dass es den oft unterstellten Gender-Wahn tatsächlich gib, nur sind nicht die Gender-WissenschaftlerInnen und Feministinnen davon befallen. Es leiden eher diejenigen darunter die fürchten, Gleichstellung und fließendere Übergänge zwischen den geschlechtlichen Identitäten würde sie ihrer Privilegien und Genitalien berauben.

Das blicke.filmfestival des ruhrgebiets hat somit einen sehr treffenden Zeitpunkt für einen neuen Sonder-Filmpreis mit dem griffigen Titel action:gender gewählt. In Kooperation mit der Gleichstellungstelle der Stadt Bochum, die den Preis im Wert von 500 € stiftet, werden Filme gesucht, die die Situation und Konstruktion der Geschlechter(verhältnisse) thematisieren.

Es gelten dieselben Regeln wie für alle Einreichungen beim blicke-Festival: Die FilmemacherInnen müssen qua Geburt, Wohnort, Ausbildung, Drehort oder durch die regionale Thematik des Films in Verbindung zum Ruhrgebiet stehen. Weder Format oder Länge des Films, noch das Geschlecht der RegisseurInnen spielen eine Rolle, wichtig ist der Blick auf den Gender-Aspekt, der sowohl politisch, als auch persönlich oder gar poetisch sein darf. Einsendeschluss ist der 11.9.2015.

 

Pressestimmen 2014

Grenzenlose Möglichkeiten

Das 22. blicke-Festival im Endstation Kino Bochum – Festival 11/14

Vor über 15 Jahren in einer Stadt am Rande des Ruhrgebiets fragte die Autorin dieses Artikels ihren Vater nach der Bedeutung der sprießenden Plakate mit dem Image-Spruch „Der Pott kocht“. Ihr Opa hätte vermutlich aufgrund solch großer Unkenntnis sein blau-weißes Maskottchen fallengelassen. Heute dagegen ist dieser Begriff zur Marke geworden, der mit Stolz propagiert wird, deren Wahrzeichen Merchandise-Produkte zieren. Man zelebriert die mundfaule Sprache, frönt dem ach so ehrlichen und bodenständigen Lebensstil und Umgang miteinander. Doch diese Romantik ist mehr verblendend als blendend, verkehrt sie ihre ursprüngliche Intention ins Gegenteil. Statt auf dieser Identität aufbauend neue Wege einzuschlagen, lullt die Trademark Ruhrpott ein und verleitet zum Einigeln in die auf einmal so schöne alte Welt. Sicher, wer die Vergangenheit ignoriert, wird beide Augen verlieren, doch das Ergötzen an retrospektiv Verklärtem engt die Sichtweise ein. Es gibt Initiativen, die sich diesem einseitigen Blickwinkel widersetzen. Dazu gehört das Filmfestival des Ruhrgebiets mit dem passenden Namen blicke, das seit 1993 Filme zusammenbringt und prämiert.

blicke hat Filmemacher aufgerufen, ihre ganz persönlichen Eindrücke des Ruhrgebiets kurz und prägnant auf Film zu bannen, mit der Idee, diese Sichtweisen zur Abstimmung auf einem Extra-Screen laufen zu lassen. Auf inhaltlicher Ebene wie auch auf der des Materials ist bei diesen kurzen Impressionen alles erlaubt. Unter dieser Prämisse stehen auch die kurzen und langen Beiträge, die sich über vier Tage austoben dürfen – alles ist dabei.

Die Schiffe im Meer des Wissens, auch Ruhr-Universität Bochum genannt, in „Markasit“ von Nico Joana Weber kollidieren in Bochumer Innenstadt mit den Pistoleros aus Matthias Schamps „Das Duell“. Ein Gedicht Rainer Maria Rilkes in Gebärdensprache trifft auf den angeregten Dialog bei einer Pommes über Christos „Big Air Package“. Die jungen Roma aus „Nadesha“ offenbaren ihre Ängste im größten Roma-Ghetto Bulgariens, der junge iranische Journalist Farrokh aus „Der Tag wird kommen“ stellt sich den Herausforderungen, die ein Wechsel vom Asylheim in eine neue Wohnung bereithält. 8-Bit Musik knallt auf eine Klang-Collage aus Scanner-Sound, Super-8 auf pulsierende Bildpunkte. Um eine historische Facette wird das breite Spektrum mit dem Stummfilm „S1“ aus dem Jahre 1913 erweitert. Nicht die Stadtschnellbahn stellt den Bezug zum Ruhrgebiet her, sondern das früheste erhaltene Filmdokument des Ruhrgebiets, da die Außenaufnahmen des Dramas auf dem berühmten (zumindest damals) Flugplatz Wanne-Herten stattfanden. Musikalisch untermalen werden dieses Kleinod der Filmgeschichte die Streicher von DASKwartett.

In diesem Jahr werden erstmals alle prämierten Filme im Anschluss an das Festival-Frühstück am Sonntag zu sehen sein und der geneigte Zuschauer mag dann selbst entscheiden, wie diese Beiträge die Sicht auf das Ruhrgebiet und aus dem Ruhrgebiet heraus erweitern. Sie werden nicht die Probleme dieser Region lösen, diesen Anspruch stellt das Festival auch nicht, aber sie werden sicherlich den klebrigen Kitsch der Industrieromantik zu lösen vermögen.

Lisa Martens, Trailer Ruhr

 

Pressestimmen 2013

Blickfänger
Im Mittelpunkt der vier Festivaltage, in denen von Donnerstag bis Sonntag Filme aus und über die ganze Welt auf dem Programm standen, standen einfache Fragen. Fragen wie: "Was bleibt nach der Urbanisierung, nach dem wirtschaftlichen Wandel, nach der Abwanderung, nach der Globalisierung und nach dem Fortschritt noch?"
Jedenfalls auf den ersten Blick. Sieht man jedoch genauer hin, wird schnell klar, dass die Fragen, denen sich die Filmemacher gestellt haben, sehr viel komplexer sind.
RN 25.11.13

Über die Region (hinaus)
Das blicke-Filmfestival des Ruhrgebiets wirft seit über 20 Jahren Facetten des Ruhrgebiets in Form von filmischen Beiträgen auf die Leinwand. Ganz subjektiv. (...) Doch blicke auf die Rolle des Archivars und Ausstellers von Filmen über die eigene kleine Welt Ruhrgebiet zu beschränken, wäre zu kurz gegriffen. (...) Die verschiedenen Blickwinkel der Filmemacher sind nicht nur nach innen gerichtet, sondern überschreiten auch Grenzen. Die 21. Ausgabe des Festivals ist so international ausgerichtet wie nie zuvor.
trailer 31.10.13

Pressestimmen 2012

Es lebe die Region
Seine Beliebtheit zieht das Festival, das in diesem Jahr 27 Filme im Wettbewerb zeigt und fast 6000 Euro an Preisgeldern ausschüttet, auch aus der formalen Freiheit...
Das Genre, der klassische Stahlwerksfilm ist auf dem Rückzug, ja kaum noch vorhanden. Heute kümmern sich junge Filmemacher wie Benjamin Lenz, geboren 1984, etwa um das Verhältnis der Menschen zum Internet.
WAZ Kultur & Freizeit

 

Filmlandschaft Ruhrgebiet
Die letzte Disco in Wattenscheid, der Erfinder des Aspirins und die Gestapo im Jahr 1942 und ein Experimentalfilm mit Sounds und Bildern aus dem Ruhrgebiet: Das sind die Themen dreier spannender Beiträge aus Bochum zum "Blicke-Filmfestival des Ruhrgebiets" ...
WAZ Bochum

 

Die Geschichte des Blicke-Festivals ist die Geschichte eines Versuches, auch im Ruhrgebiet eine filmische Infrastruktur aufzubauen...
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