Die S-Bahn kommt, ein letzter Blick auf die Brache, die einmal der Güterbahnhof Düsseldorf-Derendorf war, und einsteigen. Das Festivalprogramm im Kopf auf dem Weg ins Revier. Ziemlich bald kommt der Flughafen – der Jemen, die Toskana, Kamerun, England und vielleicht auch irgendwann mal das All kommen als neue mögliche Ziele der Reise hinzu. Es steigen Leute ein, Koffer und Geschichten füllen das Abteil. Kurz vor Duisburg eine Pause, der ICE nach Berlin kracht am Fenster vorbei. Am Horizont leuchtet ein Schornstein grün in den Abend hinein. Eine Grundform der Industrialisierung wird hier in Szene gesetzt. 100 Schritte weiter, neben dem stillgelegten Werk, steht in einem Wohnzimmer seit 40 Jahren eine andere (deutsche) Grundform, die Schrankwand. Am Hauptbahnhof knistert die Oberleitung und die Funken sprühen. Oberhausen wird als mögliches Ziel für Umsteiger durchgesagt. Auch hier beleuchtete Grundformen, neben denen Palmen winterfest gemacht werden. Doch weiter an Mülheim vorbei nach Essen. Viele steigen aus, Feierabend, nach Hause kommen. Kinder werden zur Eile angetrieben, die S-Bahn fährt schon weiter. Heute Abend spielt der VFL, am Bochumer Hauptbahnhof schieben sich die Menschen zur U-Bahn. Und dann Langendreer. Das Kino bebt, der Regionalzug nach Köln fährt darüber hinweg. In Dortmund ausgestiegen, könnte es mit der U-Bahn weiter gehen. Immer Richtung Norden, vielleicht ans Meer.
Ein Festival, das trotz einer für Filmschaffende kaum vorhandenen Infrastruktur seit 16 Jahren eine Region repräsentiert, von der manchmal der Eindruck entsteht, es könne sie nicht viel mehr zusammenhalten als ein Verkehrsnetz, gewinnt jedes Jahr durch die Filmeinreichungen ein neues Profil. Die diesjährigen blicke aus dem ruhrgebiet sind geprägt von Filmen über Arbeit, unterschiedlichen Versuchen, Kinder und Jugendliche mit der Kamera in Kontakt zu bringen und von den Lebensgeschichten, die hinter vielen Portraits stehen. Ein neues Interesse am Menschen ist zu erkennen, das in sehr individuellen Bildsprachen seinen Ausdruck findet. In der autobiografischen Werkschau wird in diesem Jahr das Werk eines Reisenden, des Mülheimer Dokumentarfilmers Rainer Komers, beleuchtet. Mit dem neuen Wettbewerbskriterium des Geburtsortes haben diesmal auch Filmschaffende zu diesem vielschichtigen Bild von/aus einer Region beigetragen, die inzwischen woanders eine Filmhochschule besuchen oder arbeiten. Sie machen sich nun wie wir auf den Weg, zu einem Festival im Revier.
Nina Selig für das Festivalteam
Aus 191 Produktionen hat sich die Auswahlkommission auf 30 Filme im Wettbewerb und vier außer Konkurrenz geeinigt: Dokumentar-, Spiel- und Experimentalfilme – verschieden und eigenwillig in Gestaltung und Themenwahl.
In den Filmen, die im Programm präsentiert werden, lassen sich verschiedene Fäden entdecken, die sich durch Inhalt und Gestaltung ziehen. Vor allem zeigt sich in der regionalen Filmproduktion ein neues Interesse am Bild des Menschen, realisiert im Spannungsfeld zwischen Inszenierung und Begleitung, Intimität und Distanz. Portraits bekannter Persönlichkeiten sind darunter, aber auch von Menschen, die ein persönliches, z.T. familiengeschichtliches Interesse der FilmemacherInnen auf sich gezogen haben; Strukturen, in denen das von allen Seiten mit Bedeutung aufgeladene Individuum agieren soll, werden als Portraitkontext ins Bild genommen. Da macht sich immer noch eine dem Ruhrgebiet eigene dokumentarische Tradition bemerkbar, die vom Direct Cinema geprägt ist – und es kommt nicht selten sozial engagierte Wut als Motor der Auseinandersetzung zum Tragen.
Weiterhin gibt es starke Impulse aus der Medienkunst, die mehr und mehr zu ermöglichen scheint, was an Hochschulen, im Fernsehen und in den Kinos wohl zu riskant geworden ist.
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