Samstag, 28. November 2009, 17.00 Uhr
Unanständiges Ruhrgebiet.
Frühe Filme von Christoph Schlingensief
Dietrich Kuhlbrodt
Schlingensief, inzwischen 50, drehte 25 Jahre lang Filme in seiner Heimat, dem Ruhrgebiet. Den ersten in Waldbauer bei Hagen. „Die Schulklasse“. Regisseur Schlingensief war 9 Jahre alt. Fünf Jahre später, „Das Totenhaus der Lady Florence“, ein 65 Minuten-Film, gedreht mit Schülern des Heinrich-Heine-Gymnasiums in Oberhausen nach einem Groschenroman, wurde in einer Kurzfassung vom WDR gesendet. In der Reihe Mischmasch. Mehr als 1 Dtzd. Heimatfilme der schlingensiefschen Art. Ich schätze so viel Ruhrgebiet, so viel Heimat-von-unten, über so lange Zeit, so viel Heimattreue gab’s nicht ein zweites Mal. Warum aber wird Christoph Schlingensief nicht als Gebietsheld, als spurensicherer, als Ruhrregisseur verehrt? Die Antwort ist bekannt. Weil das, was er zeigte, gegen den Strich gebürstet war. Selbst seine Eltern von der Apotheke in Oberhausen rieten ihm zweieinhalb Jahrzehnte lang, lieber etwas „Anständiges“ zu machen. Unanständiges Ruhrgebiet. Schlingensief wird es im endstation. Kino an Hand vieler Ausschnitte aus seinen ersten Filmen demonstrieren, live, wenn er da ist, auf der Leinwand Plan B. Oberhausen in den 70er Jahren, Schloss Lembeck, Schloss Hugenpoet, Schloss Homburg bei Wiehl, Wiehler Tropfsteinhöhle, das Ruhrtal bei Kettwig, Much im Siegkreis, Bad Münstereifel, Zechen, Siedlungen, alles Spielwiese für widerborstiges Treiben.
Ich wurde Mitte der achtziger Jahre in die Schlingensieffamilie aufgenommen. Der junge Helge Schneider war längst dabei. Und Udo Kier, Alfred Edel. Ich kann bezeugen, wie Unanständigkeit um sich griff und das Ruhrgebiet begriff.
Beispiel „Menu total“. Auf einer Picknickwiese in Mülheim-Speldorf haben die Eltern ihre alten Naziuniformen wieder angelegt. Da macht die Polonaise noch mehr Spaß. Der kleine Joe ist derweil Opfer von Menschenversuchen in einem Schacht der Zeche Rosendelle. Ein abgeschnittener Schwanz wird gebraten, Joe flüchtet in ein in schönstem Friesenstil gebautes Haus in Mülheim. Zombies grölen, und wir sind in einem Film, der im Strickmuster von TV-Serien gedreht ist. Die Vätergeneration wird in diesem Film restlos bewältigt, unakademisch, frontal, kannibalistisch. Der Film machte auf der Berlinale Furore, und zwar großen Ärger. Schlingensief wurde öffentlich.
Die neue Einkaufscity von Mülheim, Schloss Styrum, Villa Thyssen („Mutters Maske“), der Bunker Bergstraße in Mühlheim („100 Jahre Adolf Hitler - Die letzte Stunde im Führerbunker“) und das grade stillgelegte Thyssen-Stahlwerk bei Duisburg („Das deutsche Kettensägenmassaker“): Drehorte, von Schlingensief besetzt. Und verfilmt. Wir werden Ausschnitte zeigen.
Dietrich Kuhlbrodt schreibt seit fünfzig Jahren Filmkritiken (taz, konkret), Mitherausgeber von www.filmzentrale.com, zwanzig Jahre lang Verfolger von Naziverbrechen (Ludwigsburg, Hamburg), seit Schlingensiefs „Menu total“ Darsteller und Schauspieler (2008 auf den Ruhrfestspielen in Recklinghausen „Endstation Sehnsucht“). www.dKuhlbrodt.de
Samstag, 28. November, ab 22.00 Uhr
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