17.00 Uhr - 19.30 Uhr | DAS UNBEKANNTE AN ALLEM BEKANNTEN
Von Michael Girke
Seit drei Jahrzehnten dreht der Regisseur Rainer Komers Dokumentationen über nahe und ferne Weltregionen. Geprägt ist sein Blick im und vom Ruhrgebiet, Dreherfahrungen in Alaska, Arabien, Indien, Japan, Lettland, bereicherten und sensibilisierten diesen Blick enorm. Das macht: In seinem Kino darf der Zuschauer sich als Entdecker fühlen, als Forschungsreisender ins Bekannte, dessen unbekannte Seiten sichtbar werden, mitunter gar dessen Unheimliches.
In den letzten Jahren hat Komers seinen dokumentarischen Ansatz freundlich radikalisiert. Seine Filme bestehen durchweg aus in der Realität gefundenen Bildern, Geschichten, Formen gesellschaftlichen Zusammenspiels; sie sind zugleich hochintelligente, einfühlsame Montagen. Komers ist ein Sammler von Augenblicken, er bewertet nicht, er zeigt. Seine Filme sind buntscheckige Exoten, lassen Fernes näher und Nahes ferner rücken.
Nicht allein als Regisseur und Kameramann wirkt Komers, er ist auch ein leidenschaftlicher Kinofan, ein kenntnisreicher Zuschauer. Zeit seines Lebens reflektiert er seine Arbeit wie die anderer Regisseure und damit das Filmmachen überhaupt. So hat Komers neulich das DFI Symposium zum Thema »Sprache und Sprechen im Film« in Köln initiiert, dort selbst vorgetragen. Es gilt also auch, diesen eigentümlichen Kinodenker aus Mülheim in den Blick zu nehmen, genauer: die spezifisch Komerssche Verschränkung von Sehen und Denken, von Formalismus und Moralismus - einen Widerstand gegen dominierende Haltungen in unserer Kultur, der sich im Medium der Bilder artikuliert.
Nur einige der aus dem Vorgehen dieses Regisseurs erwachsenden und zu klärenden Fragen: Hat Komers’ Augenblickssammeln mit hochmodernen Kinomitteln womöglich etwas zu tun mit einer der ältesten menschlichen Kulturtechniken, nämlich der Tätigkeit orientalischer Erzähler? Wie und was trägt die moderne Kunstform Film bei zur Erinnerungsbildung an den vergangenen wie gegenwärtigen Wirklichkeitsreichtum der Welt? Nicht zuletzt: Was am dokumentarischen Film mag der immer wieder einzigartigen Verbindung aus Wörtern, Sätzen, Silben entsprechen, welche Poesie heißt?
Michael Girke
Autor und Filmkritiker, lebt und arbeitet in Herford, schreibt u.a. für
DEUTSCHLANDRADIO KULTUR, FILM-DIENST, FREITAG, KONKRET; guest
appearances in Büchern, zuletzt: Klaus Theweleit, »Friendly Fire«; M. Baute/V.
Pantenburg, »Minutentexte - The Night Of The Hunter«; Kerstin & Sandra
Grether, »Madonna und wir«; Doris Kern, Sabine Nessel, »Unerhörte Erfahrung
- Festschrift für Heide Schlüpmann«.
Mit Ausschnitten aus:
OFEN AUS (1993-95). Wenn der Ofen einmal aus ist, und zwar so endgültig aus wie in
Rheinhausen, gibt es nicht Feuer und Flamme, die Glut je wieder anzuheizen.
WER BEZAHLTE FÜR HITLER? (1983). Thyssen, Stinnes und Kirdorf, konfrontiert mit dem Widerstand der Arbeiterfamilie Gaudig und ihrer Verfolgung durch die Nazis. Ein Film über Mülheim.
EIN SCHLOSS FÜR ALLE (1998). Ein impressionistischer Streifzug durch die Welt der kleinen Leute, in der man sich duzt und nur Vornamen hat. Ruhrpott-Kolorit.
ERDBEWEGUNG (Trilogie 1999-2004). B 224, NH2 und NOME ROAD SYSTEM. Bilderfluss und Symphonie über Straßen in Deutschland, Indien und Alaska.
KOBE (2006). Eine erdbebengeschüttelte Großstadt und das allgegenwärtige Wasser.
MA'RIB (2008). Alltag und Leben in einer Wüstenlandschaft, wo früher die Hauptstadt des Königreichs von Saba war.
Rainer Komers
1944 in Guben geboren. Mitarbeit im Studentischen Filmclub Bonn; Entwurf und Druck von
Plakaten, Leiter der Serigraphie der Galerie Denise René/Hans Mayer; Lehrauftrag für Siebdruck
und Filmstudium an der Kunstakademie Düsseldorf, Meisterschüler; Gaststudium der
Fotografie an der Universität Essen. Kameraarbeiten u.a. für Klaus Wildenhahn und Peter
Nestler. Lebt in Mülheim an der Ruhr und Berlin.
Eigene Filme
2211 Büttel (1974), Zigeuner in Duisburg (1978-80), 480 Tonnen bis Viertel vor Zehn (1981),
Wer bezahlte für Hitler? (1983), Die Sterne der Heimat (1985), Erinnerungen an Rheinhausen
(zus. m. Klaus Helle, 1987-89), Lettischer Sommer (1992), Ofen aus (1993-95), Ein Schloss
für alle (1998), B 224 (ErdBewegung) (1999), NH2 (ErdBewegung) (2004), Nome Road
System (ErdBewegung) (2005), Kobe (2006), Ma’rib (2008)
Preise/Auszeichnungen
1980 Preis der deutschen Filmkritik für Zigeuner in Duisburg. 1987 Filmfestival Krakau,
Silberner Drache für Die Sterne der Heimat. 2001 Hessischer Filmpreis für B 224.
2004 für Nome Road System: Deutscher Kurzfilmpreis; Short Cuts Cologne, 1. Jurypreis;
Filmfest ‚Augenweide’, Dokumentarfilmpreis. 2005 für Nome Road System: Big Sky Documentary
Film Festival Missoula, Special Prize; Planet in Focus Toronto, Best International Short
Form Prize. 2006 Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft der Stadt Mülheim an der Ruhr.
2007 blicke aus dem ruhrgebiet, Schmelztiegel für Kobe
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Kobe (2006) |
Ofen aus (1993-95) |
Wer bezahlte für Hitler? (1983) |
Und wieder rattern die Super 8 Projektoren, dazu gibt es Bier und Chips, Eierlikör und Salzstangen. Besucher und Besucherinnen bringen gefundene, selbst gedrehte oder geerbte Kurzfilme mit.

Stefan Möckel („King of Trash“) bringt einige Werke aus seinem umfangreichen
Super 8 OEuvre mit. Aus seinen 373 Super 8 Filmen, die er in
den letzten 24 Jahren gedreht hat, wählt er einige für seine Show aus
und füttert damit häppchenweise die Zuschauer.
Seine Kurzfilme reichen von gespielten Witzen über Genreparodien bis
hin zu visualisierten Wortspielen.
Stefan Möckel wurde 1958 in Hessen
geboren. Während seines Mathematikund
Sportstudiums lernte er den Super 8
Film kennen und lieben. Vom Film kann
der Super 8 Freak nicht leben und so
verdient er sich sein Geld als Mathematik-,
Musik- und Kunstlehrer an einer Realschule.
Es lebe der Schmalfilm Alles wird super!
Moderation: Wolfgang Kriener
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