blicke.blog
Tag 2: Zwischen Öffentlichem und Privatem
Freitag, 27. November 2009
Heute gab es wieder Blicke aus dem Ruhrgebiet auf weit entfernte Orte wie Milltown in Montana oder Osaka in Japan. Aber auch sehr persönliche Blicke und Experimentelles boten uns die heutigen Wettbewerbsblöcke.
Im Block III konnte man gleich dreimal ein gewisses Doppelgängermotiv beobachten, sowie die Thematisierung von öffentlichen Plätzen. In Pasajeros Peregrinos Pilotos nehmen die weiß gefärbten Schatten von Passanten ein eigenes vielfach verdoppeltes Leben an und geben dem Vorplatz des Dortmunder Hauptbahnhof dadurch etwas „unheimliches“ aber auch etwas rhythmisches-systematisches. Thomas Köner, der eigentlich ungern auf Festivals geht, möchte den Film nicht als Musikvideo bezeichnet, obwohl es als solches schon Erfolg hatte. Auch Habitat C3B nutzt den Rhythmus und vor allem dem Hall der Schritte auf öffentlichen betonierten Flächen.
Der dritte öffentliche Raum war ein Hot Spot in Osaka, wo die verschiedensten Menschen zusammen kommen, vom Mönch bis zum gestylten Jungjapaner. Martin Brand interessiert sich besonders für solche belebten Orte, wie er ihn für Nampa Bridge gefunden hat. Die Kamera hat für ihn diese zufälligen Beobachtungen aufgenommen, während sie im Kampf um die Aufmerksamkeiten selbst kaum auffiel. Er selbst blieb jedoch nicht ganz unbemerkt, verrät der Regisseur.
Bevor er etwas über seinen Film erzählen kann, bedankt sich Rainer Komers für die Komposition des Blocks und die Einordnung von Milltown, Montana. Für seine Filme sucht Komers Orte mit persönlichem Bezug, wobei diese anscheinend oft weit entfernt zu finden sind. Diesmal lockte ihn das Big Sky Filmfestival in Missoula nach Montana. Er blieb ein paar Tage und entdeckte Orte, die es wert waren, wieder besucht und gefilmt zu werden. In Milltown gab es, ähnlich wie hier im Ruhrgebiet, ein menschliches Bedürfnis, die Erde auszunehmen, was den Filmemacher beschäftigt. Heute muss man sich mit den Folgen auseinandersetzen und es gab einen Stimmungswandel – zumindest in Milltown.
Die Bilder von Astrid Busch’s Idyll wurden mit einem Laserpointer belichtet, so erscheint auf der Leinwand ein nicht greifbarer idyllischer Ort und SHU (Blue Hour Lullaby) schloss Block III mit einer meditativen Sternstunde ab.
Sabine Bürger bedient sich in Soma/2:Moksha dem unter Experimentalfilmern beliebten Rücklauf-Effekt und dem Spiegeleffekt. Mittels letzteren versetzt sie ihrem eigenen Gesicht eine ästhetische Symmetrie, die den Akt der Zerstörung, dem sie sich unterzieht, schön aussehen lässt. „Es fing an mit Tapetenkleister“, den sich die Künstlerin auf die eine Hälfte des Gesichts kleckerte. Die andere Hälfte blieb das steuernde Element, sagt sie. Ein Experiment, dass man keinem anderen als sich selbst zumutet, so Sabine Bürger, die uns im Filmgespräch auch erklärt, welche Bedeutung der Filmtitel für sie hat: Bei Soma und Moksha handelt es sich um in Anlehnung an Aldous Huxley um berauschende Mittel.
Der längste der heutigen Wettbewerbsfilme ist nicht nur ein sehr persönliches Porträt über Frederik, sondern auch über die Freundschaft zwischen ihm und dem Filmemacher Alexander Ritter. Beide sind präsent im Film und ihre Interaktion zeigt das tiefe Vertrauen zwischen zwei Menschen. Im Mittelpunkt aber steht Frederiks Geschichte. Er soll reden und das tut er. Seine Gedanken und seine Meinung zählen für diesen Film mehr als das Formale. Der Film erlaubte es Alexander Ritter dem Freund Fragen zu stellen, die man "sonst nicht einfach so stellt". So erfahren wir Dinge aus Frederiks Leben: Aus dem Leben eines Rollstuhlfahrers, der nicht immer einer war. Aus dem Leben eines Kranken, der nicht immer krank war. Dinge, die man nicht sieht, wenn man nicht fragt. Frederik, der selbst mit seinem Hund im Kinosaal sitzt, hatte viel Mitspracherecht beim Filmschnitt, aber er sagt: „Alex hat Ahnung wie man Filme macht, Ich hab Ahnung von meinem Leben“. Das schien das richtige Rezept für diesen persönlichen und auch mutigen Film zu sein.
An dieser Stelle ist die Hälfte der Wettbewerbsfilme gelaufen. In meinen Augen ein bisher sehr angenehmes schockfreies Programm. Ich bin gespannt auf die zweite Hälfte.
Im Spätfilm zeigte das Festival Mutters Maske von Christoph Schlingensief, wofür Gäste extra aus Holland angereist waren.
Für heute bleibt mir, erneut auf das Gästebuch für ihre Kommentare zu verweisen.
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