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Tag 3: Farewell trotz Wiedergeburt

Samstag, 28. November 2009

Am frühen Nachmittag geht das Blicke 17. Filmfestival des Ruhrgebiets in die dritte Runde und startet mit einem bunten interkulturellen Blick ins und aus dem Ruhrgebiet auf den Hinduistentempel in Hamm, der nicht nur mir trotz seiner Außergewöhnlichkeit bisher unbekannt war.

Melanie Liebheit, geborene Münsteranerin,  hat vor ihrer Zeit an der Filmhochschule Ethnologie studiert, daher erfuhr sie vom Tempelbau und hatte die Idee zum Film Wiedergeboren in Westfalen. Im Mittelpunkt steht der Urheber des Tempels, der Priester Arumugam Paskaran, den die Filmemacherin in seinen drei Funktionen als Geschäftsmann, Tempeloberhaupt und als Familienvater darstellt. Nach dem Motto: „Vertrautes im Fremden und Fremdes im Vertrauten entdecken“ zeigt sie die Verschmelzung zweier kultureller Parallelwelten auf. Dabei wird auf die Probleme und den Widerstand, die es zu Beginn des Tempelbaus um 2002 gab, nicht eingegangen. Die Lage hat sich beruhigt, der Tempel integriert sich im Stadtteil und die Hindugemeinde findet Akzeptanz - so zumindest empfindet es Melanie Liebheit und so zeigt es der Film. Es ist also kein schwerer Film, sondern eher einer, der den Zuschauer dank skurriler Szenen auch mal schmunzeln lässt und unterhält. Die positive Energie des Priesters sollte im Film mittransportiert werden. Über die Kooperation mit dem WDR verrät Melanie Liebheit, dass sie sehr unkompliziert war, man wurde sich schnell einig über formelle Entscheidungen wie den Verzicht auf einen Off-Kommentar und Bauchbinden, auch die Untertitelung des Priesters war ein Abwägungsthema.

Es folgte der Rahmenprogrammblock Unanständiges Ruhrgebiet mit frühen Filmen von Christoph Schlingensief, dessen Werke bekanntlich nicht jedermanns Geschmack sind. Im Kinofoyer wird gemutmaßt, dass es am Sternzeichen liege, ob Schlingensief gefällt oder nicht. Einige Zuschauer verlassen zwischendurch kopfschüttelnd den Kinosaal, andere sind schlichtweg begeistert.

Ich möchte an dieser Stelle den Installationen ein paar Worte widmen, die das Festival begleiteten. Da ist zunächst Daniel Burkhardts „Botschaft“, die in der oberen Etage einen ganzen Raum einhüllt und „benetzt“. Für den einen ein Rückzugsort, für andere ein Ort, der zum selber experimentieren einlädt. Wer es noch nicht getan hat, sollte hier unbedingt mal reinschauen. Nicht weit davon entfernt springen, treten, klettern, schieben und verwandeln sich zwei Cartoon Männchen. Sie sind grün und rot. Sie sind eins und doch zwei. Die verwirrende und faszinierende Installation Ansichtssache hielt mich zumindest einige Minuten in Atem. Für Schizophonia sollte man sich setzen und ein paar Minuten zusehen und hören, um den Ansatz dieser Installation greifen zu können. Nicht nur diese Installationen rahmen den Festivalort, denn was ich hier in Langendreer auch ganz besonders mag ist das Kino mit seinem immer belebten Foyer. Da tummelten sich in diesen Tagen Babys, Spielervereine oder Kaffeegäste; da konnte man Festivalfilme mit verfolgen, quatschen, entspannen  oder Zeitung lesen.

Kommen wir zurück zum Filmwettbewerb. Block VI beginnt mit zwei Filmen, die traurig und aufmunternd zugleich sind. In Kohldampf am Heiligabend dokumentiert Daniel Hein das muntere Treiben am 24.12. 2007 in seiner Stammkneipe  in der Dortmunder Nordstadt. Diese ist ein sozialer Treffpunkt und die damaligen Besitzer bieten „Lichtblicke der Menschlichkeit“, so Daniel Hein. Dass die Perspektive etwas häufiger als normal eine Untersicht ist, begründet der Filmemacher damit, dass er gerne Blickkontakt mit den Protagonisten hält, während sie sprechen.

Der folgende Film Kleine Wirtschaft entstand aus der Überlegung des Filmemachers, womit die Leute in leeren Eckkneipen hier im Ruhrgebiet ihr Geld verdienen würden. Er tippt ganz selbstverständlich auf Prostitution und will mit dem Film die für ihn typische Ruhrgebietshaltung „Alles ist scheiße, aber wir machen weiter“ darstellen. So gibt die Protagonistin Gisela trotz schlechter wirtschaftlicher Lage nicht auf, sondern nutzt ihre Möglichkeiten. Ihr Verhalten sollte wohl nicht pauschal auf alle Eckkneipenbesitzer übertragen werden. Schauspielerisch ist der Film sehr gut gemacht, aber  nicht allen Zuschauern scheinen die Wendungen in der Story ganz plausibel.

Kolja Malik begleitet seine unterwegs vom Handy eingefangene Bilder in Beduinen des Westens mit poetischen Gedanken, ist aber leider nicht anwesend um uns mehr Aufschluss zu geben. Die Banalität der Avantgarde spiegelt, verdreht, negiert und kehrt um – Das gilt nicht nur für Bild und Ton sondern auch für die Story der ursprünglichen Folgers-Coffee-Werbung aus den 60ern, die als Ausgangsmaterial gilt.

Der Gewinner, was unerträgliche Schnittfrequenz angeht steht hiermit für mich fest: Ich lehre euch. Wer den kompletten Film über auf die Leinwand gucken konnte, der verdient meine Bewunderung. Der Filmemacher entschuldigt sich allerdings hinterher, denn eigentlich sahen wir eine Videoinstallation, die nicht ursprünglich für die Kinoleinwand gedacht war. Talkshowprotagonisten sprechen oder schreien uns Auszüge aus Nietzsches Also sprach Zarathustra. Wer akustisch nicht folgen kann, für den ist der Text auch grafisch im Bild eingebaut. Aus dem Publikum kommt die Forderung nach einer Begründung warum Alexander Lorenz für diesen Film Nietzsche und das Format Talkshow wählt. Der Filmemacher tut sich schwer mit einer Antwort, wozu er in meinen Augen ein gutes Recht hat. Nicht jede filmische Entscheidung muss begründet werden.

Diese zwei Found Footage Filme regen die Diskussion über Urheberrechte und den Graubereich der weitreichenden Zitierrechte für die künstlerische Bearbeitung an.

Wie auch schon der Eröffnungsfilm Flashback gehört Farewell zu einer Trilogie, die Stefan Zeyen mit der gleichen Schauspielerin filmte. Farewell ist ein dreifacher Abschied. Nicht nur sehen wir eine Frau davonfahren, sie löst sich auch visuell auf, und gleichzeitig gehört die technische Umsetzung fast der Filmgeschichte an und ist laut Zeyen nicht wiederholbar. Um so stark in das nicht digitale Bild zu zoomen, dass es zunehmend körniger wird, waren alte große Maschinen notwendig, erklärt der Künstler. Um auch den Ton schätzen zu können, der trotz bildlicher Auflösung und Loop stringent ist, sehen wir den Film sogar nochmal. Auch zu Flashback erhalten wir noch einige Produktionshinweise, die deutlich machen wie aufwändig auch dieser nur Sekunden lange Film war und sehen ihn zum krönenden Abschluss noch einmal.

Der Samstag wird mit traditioneller Currywurst, amüsanten Auftritt der Audionauten und einer Party abgeschlossen.

Nutzen Sie bitte das Gästebuch für Kommentare Ihrerseits.

 

Melanie Liebheit im Filmgespräch

Melanie Liebheit im Filmgespräch

Die Audionauten

Die Audionauten