blicke.blog
Tag 4: Der Tag der Wahrheit
Sonntag, 29. November 2009
Wenn Europäer fließend chinesisch sprechen wirkt das doch etwas seltsam. Wenn sie dazu auch noch einen asiatischen Höflichkeitshabitus annehmen, kann es sich nur um die Adaption einer Kultur handeln. Austausch, Adaption und Verlust von kultureller Identität sind Thema von Chinesisch von Vorteil. Leider stehen die Filmemacher für eine Diskussion nicht zur Verfügung. Die Arbeit beeindruckt die Jury trotzdem und gewinnt sogar den Medienkunstpreis Ruhr. Der letzte Film im Wettbewerb des diesjährigen Blicke Festivals, Leaves of Grass, stammt von Frank Wierke, der sich in eine Welt begibt, die wie er meint, in der audivisuellen zu wenig Beachtung findet. Er portraitiert einen Übersetzer, der sich über ein Jahr lang akribisch mit Walt Whitmans Texten befasst. Wierke drehte allein, was für ihn eine Grenzerfahrung war, nicht nur weil Ton, Kamera und Regie zugleich zu bewältigen waren, sondern auch weil die Räumlichkeiten in denen gearbeitet wurde, nicht die besten Voraussetzungen boten. Es gibt wenig Mobilität im Film, mal ein Blick aus dem Fenster, ansonsten fokussiert der Film die Arbeitsweise des Übersetzers. Die einsamen Prozesse des Filmemachers und des Übersetzers bekommen durch die Projektion hier erstmals eine Öffentlichkeit. Im Filmgespräch wird diskutiert, ob und welche anderen Möglichkeiten es gibt, um auch das Lebensumfeld des Protagonisten einzubeziehen. Wierke erklärt, dass anfangs ein umfangreicherer Blick geplant war, dass die (räumliche) Fokussierung hier aber auch mit der Persönlichkeit des Protagonisten zusammen hänge.
Vier sehr unterhaltsame sehenswerte Filme, die den Wettbewerbskriterien leider nicht entsprachen, waren im Spektrum Deutschland zu sehen. Es begann mit einem Stopp & Go durch ein Dorf Am Waldrand, worauf ein Highlight für mich folgte: Anna Deutsch zeigt, dass sich Persönlichkeiten im Alter selten ändern. Gitti ist 70, ordentlich, prinzipientreu, sternzeichensicher und auf Partnersuche. Herrlich charmant und authentisch. Tomorrow Yeah! zeigt wie ästhetisch Basketball sein kann. Eine rhythmische Reihung detailierter konzentrierter Momente. Xaxapoya ist eigentlich ein Musikstück (Von Spar), hier visuell unterstützt von einem Sammelsurium an hypnotisierenden Bildern.
Im Programmpunkt Faszination Stahl führt Phillipe Dériaz das Publikum durch die Industriefilm- und Stahlgeschichte. Er erläutert die Faszination, die von Maschinen ausgehen kann. Da Maschinen von Menschen erschaffen und ihre Bewegungen von Lebewesen inspiriert sind, können an ihnen Gestik und Emotion erkannt werden. Industriefilm ist eine eigene FIlmgattung, die besonders hier an der Ruhr- Universität Bochum am Institut für Medienwissenschaft Beachtung findet.
So schnell kann es gehen und ein Festival ist schon vorbeigerauscht. Die Bekanntgabe der Gewinner bildet den krönenden Abschluss. Ein letztes Mal füllt sich der Kinosaal. Wie schon in den letzten Tagen ist die Stimmung recht ausgelassen, heiter und vertraut.
Die Jury, die in diesem Jahr erstmalig nur aus Männern bestand, hat ihren großen Auftritt und verleiht die Preise. Als der Querdenkerpreis verlesen wird, ist die Jurybegründung länger als der Film. Stefan Zeyen freut sich, dass Flashlights, der hier seine Premiere hatte trotz der Kürze überzeugen konnte. Er war das erste Mal bei blicke und scheint sehr angetan. Kohldampf am Heiligabend sahnt gleich zweimal ab. Rainer Komers, der für seinen Film Milltown, Montana gehrt wird, ist leider schon auf dem Heimweg, kehrte aber natürlich nochmal um, um die Ehrung entgegen zu nehmen.
So endet das 17.Blicke Filmfestival des Ruhrgebiets in diesem Jahr und auch dieser blicke.blog wird für eine Weile ruhen. Ich danke fürs Lesen.
J. Eimer
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