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Tag 1: Von Istanbul nach Kapstadt
Donnerstag, 26. November 2009
Wie jede gute Veranstaltung begann das Festival heute für mich und viele andere mit einem Gläschen Sekt. Bevor der Kinosaal geöffnet wurde, fand im Foyer ein reges „Meet & Greet“ statt. Als der Kinosaal sich dann erstmals öffnete, füllte er sich so sehr, dass zusätzliche Stühle nötig waren. Im Saal herrschte eine vertraute familiäre Stimmung. Man kennt sich hier. Kein Wunder, viele der Gäste, Filmemacher und Juroren sind langjährige Freunde und Teilnehmer des Festivals.
Der erste Wettbewerbsblock wurde uns zu Recht als Überblicksblock angekündigt, denn es folgte eine Mischung an Filmgenres, Techniken, Filmlängen und Orten.
„Flashlights“ war so schnell vorbei gehuscht, wie er begonnen hatte. „Istanbul Calling“ zeigte eine europäische Metropole, in der Kunst und Politik auf der Straße zu liegen scheinen, und nur gefilmt werden wollen. Die Filmcrew hat es 14 Tage lang getan und in komprimierter Form zu uns in das Ruhrgebiet gebracht. Halil Özet und Leonhard Lierzer erzählen uns in der anschließenden Diskussion, dass sie nicht mit Absicht einen politischen Fokus gesetzt hätten. Viele Orte und Szenen im Film wurden zufällig gefunden. Die Istanbulaner sind nicht kamerascheu.
Mit dem Film „Die Charles-Bonnet Variante“ veranstaltet Werner Biedermann ein regelrechtes Experiment mit dem Publikum. Ich lerne, dass das Charles- Bonnet Syndrom eine Sehkrankheit bezeichnet, bei der es in normalem Bewusstseinzustand zu Halluzinationen kommen kann. Die Fehlinformationen werden im Kopf ergänzt und so „passiere das wahre Kino im Kopf“, meint Biedermann. Da der Logik seines Films nicht gefolgt werden kann, addiert man eigene Erinnerungen. Dass der Film Emotionen auslöste, wird auch aus dem Publikum bestätigt. Hier wurde Filmgeschichte recycelt und mit Emotionen und Erinnerungen gespielt.
Der Block schließt ab mit dem Blick in eine alternative Mittelstandsfamilie, die, wie Björn Schürmann sagt, seiner eigenen ähnelt, aber noch „ein bisschen offener als normal ist.“ In den Familienstrukturen wird gewühlt, um einen Harmoniebruch zu erzeugen. Dass dieser nur durch ein starkes Tabu wie Geschwisterliebe zu erzeugen ist, hängt mit dem liberalen Hauptcharakter der Mutter zusammen.
Nach kurzer Pause startete der zweite Wettbewerbsblock, der einzig aus „The Protective Cape“ bestand. Die gesellschaftliche Ordnung im Südafrikanischen Kapstadt und die dortige „Georgrafie der Angst“ wurde hier im Kino hautnah nachgespürt als ob wir mit im Raum gesessen hätten. Der Regisseur Lennart Selle macht sich unsichtbar – sowohl im Film als auch hier auf dem Festival und so beantworten uns statt seiner zwei der betreuenden Professorinnen der FH Dortmund nach dem Film einige Fragen. Es wird über die Sicherheit eines Filmemachers in gefährlichen Gefilden wie dem dargestellten philosophiert. Schützt die Kamera einen Filmemacher automatisch? Weiterhin versuchen wir im Saal die Persönlichkeit des nicht anwesenden Lennarts zu verstehen. Es bedarf wohl einer gewissen Lebhaftigkeit und eines vertrauensvollen Auftretens, um die Nähe zu den Protagonisten, die wir sahen, herzustellen. Die Professorinnen bestätigen, dass der Student in der Tat einer ist, „der sich wagt, über Schwellen zu gehen“ und „einer, der nimmt was er kriegen kann“. Der 6-monatige Aufenthalt Süd-Afrika muss genau wie der zurückgebrachte Film einen „Drive“ bzw. eine Atemlosigkeit gehabt haben. Die Anwesenden sind sehr angetan, wobei es aber verschiedene Meinungen zur Bild-Text- Gestaltung gibt.
Nach einem langen ersten Festivaltag mit vielen Eindrücken, an dem ich geistig von Istanbul über Südafrika zurück nach Bochum gereist bin, verabschiede ich mich für heute. Wenn Sie Ihre Eindrücke auch mitteilen oder meine Beobachtungen kommentieren möchten, nutzen Sie bitte das Gästebuch.
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